Schweigend hört Saya Mari zu, schweigend sitzt sie da, während sie ins Badezimmer geht, während sie zurückkommt. Schweigend lauscht sie ihren Worten, dann denen Orles’. Sie sieht zu dem wenigstens vermeintlichen Anführer der Ersten Hand, sie sieht zu Lorek, der ihr von der Gesandtschaft am vertrautesten ist. Dann sieht sie zu Mari, die sie immer noch ansieht, sich daran macht, den Fuß zu verbinden. Saya zieht den Fuß weg. Dann kauert sie sich zu Mari auf den Boden.
Nun, die neue Dargha des Viertels beim Lachenden Zwilling ist berüchtigt dafür, manchmal etwas, sagen wir, wenig konventionelle Reaktionen zu zeigen. Und so werden sich nun auch die drei Ratten am Tisch etwas eigenartig fühlen, als nun sei es Mari als auch die Dargha unter dem Tisch verschwinden, sie also mit ihren Krügen alleine an demselben sitzen. Der zerbrochene Krug liegt immer noch da, die blutigen Fußspuren sind noch zu sehen. Ein recht kostbarer Mantel aus Leder liegt auf dem Tisch, daneben vier Messer aus erster Qualität.
Nun ja, unter dem Tisch nimmt Saya Maris Gesicht zwischen ihre Hände. Sie sieht sie einige Zeit lang an. Plötzlich ist etwas Warmes in ihrem Blick, etwas äußerst Zutrauliches, fast schon Beschwörerisches. Dann gibt sie Mari einen Kuss, so zärtlich, wie sie es bisher selten gemacht hat. Dann schaut sie sie wieder an.
“Mari,” sagt sie dann leise, ruhig, mit weicher, warmer Stimme, “es wird Zeit, dass du dich entscheidest. Mari, wer bist du? Du hast dich dagegen entschieden, zu Imeria zu gehören. Ich habe das respektiert. Du bist als Ratte geboren, in deinen Adern rinnt Rattenblut. Ich kann dich also nicht zwingen, die Zeichen meines Clans zu tragen, dich voll und ganz Imeria zuzuwenden. Wenn du dich jedoch nun auch gegen die Ratten entscheidest, Mari, wer bist du dann? Du hast dich gegen den Skorpion entschieden, sondern für das Abzeichen der Arendai, doch nun, wo dich die Arendai rufen, bleibst du beim Skorpion?”
Einen Augenblick lang schaut sie ihr in die Augen.
“Mari, ich liebe dich,” sagt sie dann plötzlich diese für sie ganz unerhörten Worte. “Jeden Tag, an dem du weg bist, werde ich vor Sorge zergehen. Aber du musst deinen Weg gehen. Ich habe dich gesehen, als du das Abzeichen bekommen hast, wie glücklich du warst. Mari, du bist eine Arendai, ich habe das gesehen, genau in diesem Moment. Ich komme auch alleine klar, und ich werde dir deine Gulama schon nicht umbringen, solange du weg bist. Aber könntest du damit leben, deine Hand ihrem Schicksal zu überlassen?”
Wieder macht sie eine Pause, sieht Mari an. Dann zieht sie sie zu sich, umarmt sie eng.
“Jeder braucht etwas, wofür es sich zu leben und zu sterben lohnt,” fährt sie fort. “Und ein paar Titten und eine Pussi sind verdammt wenig. Ich habe mein Viertel, ich habe Imeria, und niemand würde mich aufhalten, würde mich Imeria rufen. Wofür würdest du sterben, Mari? Wofür willst du leben? Mari, du musst dich entscheiden. Jetzt!”