BUILD YOUR OWN WORLD Like what you see? Become the Master of your own Universe!
Tue, Jul 8th 2025 08:56   Edited on Mon, Feb 23rd 2026 03:43

[Tag 23 morgens] Tag der Abrechnung

Die Küchentür flog mit einem Knall auf und Astrid trat in den Gastraum, die Hände in die Hüften gestemmt. "Ja, ja!", brüllte sie, ihre Stimme hallte durch die morgendliche Stille der Schenke, die früher so viel größer und belebter gewesen sein musste. "Jemand muss es ja machen, und ich weiß ganz genau, was wir vereinbart hatten! Du hier draußen, ich drinnen und die Verwaltung!" Sie nickte kurz zum langen Tresen an der hinteren Wand, an dem selbst jetzt am frühen Morgen schon ein paar Zechbrüder saßen.   Die wenigen Gäste, die bereits beim Frühstück saßen, hielten kurz inne, einige hoben ihre Becher zum knappen Gruß, andere nickten ihr nur kurz zu. Sie kannten Astrid inzwischen, diese junge Frau mit der drahtigen Statur und den von Arbeit gezeichneten Händen, die hier das Sagen hatte – zumindest in der Küche. Dass sie eigentlich viel zu jung und viel zu hübsch für die harte Arbeit war, entging keinem der Anwesenden, vor allem nicht den jungen Kerlen, die hier ebenfalls frühstückten. Nicht wenige Gerüchte besagten, dass der "Lachende Zwilling", der eindeutig schon bessere Zeiten gesehen hatte und dessen Anesh-Bild an der Fassade schon kräftig blätterte, in letzter Zeit so gut lief, weil hier gleich zwei hübsche Frauen das Sagen hatten: Tara und Astrid.   Ohne ein weiteres Wort oder einen Blick warf Astrid ihre schmutzige Küchenschürze mit einem Schwung auf den Tresen. Der Stoff landete mit einem leisen Flatschen auf dem polierten Holz. Sie drehte sich auf dem Absatz um und stapfte aus der Schenke, die alte, zweiflügelige Eingangstür hinter sich unversöhnlich ins Schloss fallen lassend.   Die kühle Morgenluft strich über ihr Gesicht, als sie sich auf den Weg zu Sayas Residenz machte. Ihre Schritte waren entschlossen, die Gedanken klar. Es dauerte nicht lange, bis sie vor dem Gebäude stand. Zeit für eine Abrechnung.
Tue, Jul 8th 2025 10:53

Zu dieser frühen Morgenstunde ist das große Tor noch verschlossen. Astrid wird also anklopfen müssen. Freilich, mit ihren Fingerknöcheln wäre das wohl ein aussichtsloses Unterfangen, doch ein großer im Holz eingelassener Ring erleichtert ihr das Klopfen ungemein. Es dauert dann auch gar nicht lange, und das Tor wird einen Spaltbreit geöffnet.   Das von wirren Locken umrahmte Gesicht ist so hoch oben, dass Astrid nach oben blicken muss. Und dieser Mann ist nicht nur ungewöhnlich groß, sondern auch mindestens ebenso ungewöhnlich breit. Und er ist inzwischen im Viertel bekannt: Es ist der von der Dargha ernannte Rottenführer. Nun hat sich in der letzten Zeit einiges geändert. Die Dargha hat einigen Leuten Arbeit gegeben, sie hat die Brunnen instandgesetzt, sie hat begonnen, die Banden zu bekämpfen, die den Leuten das Leben noch schwerer machen, als es ohnehin schon ist. Der an pure Angst grenzende Respekt vor der Dargha und ihren Jägern, allen voran dem Hünen eines Rottenführers, der ist geblieben. Und jeder, der miterlebt hat, wie gerade dieser Rottenführer mit den gefangenen Banditen umgeht, der weiß auch, dass dieser Respekt auch absolut angebracht ist.   Nun denn, der Rottenführer öffnet nun das große Tor und schaut finster zu der zierlichen jungen Frau herunter.   “Was willst du?” fragt er barsch.
Wed, Jul 9th 2025 04:40

Astrid hob den Kopf und blickte in das wuchtige Gesicht des Rottenführers. "Ich will die Dragha sprechen", sagte sie, ihre Stimme klang fest und klar, ohne die geringste Spur von Furcht. Er kannte sie. Er wusste, dass sie nicht irgendein Mädchen war, das hier zufällig auftauchte. Sie war schon hier gewesen, in dieser Residenz. Sie hatte die dunklen Seiten dieses Ortes kennengelernt, war gefoltert worden. Und sie hatte hier kochen müssen, bevor die Dragha ihr die Freiheit geschenkt hatte, weil sie sie wohl als Köchin im "Lachenden Zwilling" besser gebrauchen konnte als in den Folterkammern.   "Ich bin hier, um über das Geld für das Rattengulasch zu reden", fuhr Astrid fort, ihr Blick wich dem finsteren Gesicht des Hünen nicht aus. Sie blieb dabei höflich, aber bestimmt. "Ich arbeite in dieser Schenke, weil die Dragha es so wollte. Ich koche, ich schufte, und ich denke, das es uns zusteht. Wir müssen hier ja Anteile abgeben, und das kann ich nicht, wenn alles umsonst angeboten wird." Ihre Hand ballte sich leicht, die Narben auf ihren Knöcheln traten hervor. "Ich möchte zumindest darüber sprechen." Sie war nicht gekommen, um zu bitten. Sie war gekommen, um das zu fordern, was ihr gehörte.
Wed, Jul 9th 2025 07:41

Condir runzelt die Stirn, als Astrid ausholt, als wolle sie der Dargha mitsamt ihren Jägern den Krieg erklären. Er mustert sie kurz, dann öffnet er die Tür ein gutes Stück mehr und tritt zur Seite.   “Also gut,” brummt er. “Tritt ein!”   Er lässt Astrid also eintreten, geht dann vor durch die Hofeinfahrt, an einer Tür zur Rechten vorbei. Bei der zweiten Tür, die sperrangelweit offen steht, biegt er nach rechts ab, geht eine Treppe nach oben, bis sie in dem großen Speisesaal stehen.
Thu, Jul 10th 2025 09:45   Edited on Thu, Jul 10th 2025 10:28

Astrid ist wohl kaum wieder in ihrer Küche verschwunden, da betritt die blonde Sklavin der Dargha den Schankraum des Zwillings. Wieder verstummen kurz die Stimmen im Raum, doch dieses Mal ist es nicht die Angst, der Respekt, der die Leute schweigen lässt, wie es bei Jägern der Fall wäre. Es ist zum einen das Aussehen des Mädchens, mit ihren blonden Haaren, den vollen Brüsten, dem flachen Bauch, den schlanken Beinen und nicht zuletzt der aufreizende Kleidungsstil. Und es ist zum anderen das Schicksal, das Gulamas Familie erlitten hat, und das Gulama wohl miterlebt haben muss und bei den meisten im Gastraum wohl Mitleid ihr gegenüber erregt. Und es ist wohl auch ihr Schicksal, nun als Sklavin im Haushalt einer grausamen, unberechenbaren Dargha ihr Dasein fristen zu müssen, das ähnliche Gefühle weckt. Wenn die Dargha auch vielleicht ihre guten Seiten haben könnte. Aber dessen ist sich noch niemand so richtig sicher.   Jedenfalls kümmert sich Gulama reichlich wenig um die Anwesenden. Sie geht um Tresen und wartet auf die Bedienung.
Thu, Jul 10th 2025 10:47

Astrid stürmte fluchend und vor sich hin meckernd in den Schankraum des "Lachenden Zwillings". Die wenigen Gäste, die beim Frühstück saßen, konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen, als sie die junge Frau sahen, die gerade noch so selbstbewusst aus der Tür gestapft war. Einige drehten sich einfach wieder um und widmeten sich ihrem Essen. Mit einem kräftigen Stoß ließ Astrid die Schwingtür zur Küche hinter sich auffliegen.   Nur wenige Augenblicke später schwang die Tür erneut auf, und Astrid kehrte, sichtlich genervt, in den Schankraum zurück. Ihre Schürze hatte sie vergessen. Als sie Gulama am Tresen entdeckte, wich das genervte Gesicht einem Lächeln, und ihre Wangen färbten sich leicht rot bei dem Anblick der wunderschönen Sklavin.   „Ahh, meine wunderschöne Freundin!“, rief Astrid, ihre Stimme klang wärmer, als sie erwartet hatte. „Ich denke, wenn sie dich schickt, dann muss ich noch nicht an den Balken.“ Ein leichtes Kichern entwich ihr. Astrid ging um den Tresen herum und zog Gulama in eine liebevolle Umarmung.
Thu, Jul 10th 2025 10:57

Gulama macht ein reichlich überraschtes Gesicht, als Astrid sie plötzlich umarmt. Und so dauert es auch eine Weile, bis sie die Umarmung erwidert. Freilich stehen die beiden jungen, hübschen Frauen nun erst recht im Zentrum der Aufmerksamkeit der Gäste im Zwilling, und jeder ist gespannt, wo dieses scheinbare Techtelmechtel wohl noch hinführt. Zu vielen sind noch die Auftritte der Dargha präsent, zunächst mit der “Irren Dürren”, dann mit Theomer, dem inzwischen verstorbenen ehemaligen Besitzer der Brauerei Haruland. Und gar einige hätten gar nichts dagegen, würde es zwischen den beiden Schönheiten am Tresen bald genauso hemmungslos zur Sache gehen.   Eine Weile lang stehen die beiden also nun in inniger Umarmung da. Astrid fühlt die prallen Brüste der Blonden an ihrem Oberkörper, ihre weiche, gepflegte Haut unter ihren Fingern. Gulama ist ein Mitglied der Oberschicht gewesen, und noch immer sieht sie so aus, fühlt sich so an und riecht auch so. Schließlich findet Gulama in ihrer Überraschung doch einige Worte.   “Guten Morgen, Astrid,” sagt sie. “Die Dargha schickt mich wirklich. Ich soll dir dein Geld vorbeibringen.”
Tue, Jul 15th 2025 07:03

Astrid löste sich aus der Umarmung und lächelte die hübsche Gulama von Herzen an, ihre Freude war nun wirklich echt und strahlend. Sie deutete auf einen der Stühle am Tresen. „Setz dich doch, meine Liebste. Mach’s dir bequem.“   Schnell huschte Astrid hinter den Tresen. „Möchtest du vielleicht etwas trinken? Ein Glas Wasser? Oder… oh, einen kleinen Schluck Wein? Ich weiß, es ist früh, aber ein kleines Schlückchen schadet doch nie, oder? Und hast du Hunger? Ich könnte dir schnell etwas zubereiten. Ich hab gerade erst den Eintopf für die Jungs gemacht, der ist noch warm, oder vielleicht ein paar Reste vom Brot und Käse? Es ist wirklich nicht viel, aber…“ Sie plapperte ohne Ende, ihre Gedanken schienen von der Anwesenheit Gulamas beflügelt. In ihrem Überschwang schien sie das Thema des Geldes vorerst völlig vergessen zu haben.
Tue, Jul 15th 2025 08:11

Zunächst holt Gulama eine Handvoll Münzen aus ihrem allzu kurzen Rock. Sie formt damit drei Stapel aus fünf Filis, die sie auf den Tresen stellt. Dann erst sieht sie Astrid wieder an, mit einem strahlenden Lächeln in ihrem Gesicht.   “Ich würde gerne ein Glas Wein nehmen,” antwortet sie. Gulama ist bereits lange genug in dem Haushalt der Dargha, dass sie es gewohnt ist, dass nicht jeder den Konsum von Alkohol von der Uhrzeit abhängig macht. Schließlich wird im Hause Nayara den ganzen Tag lang gesoffen - wohl selten so viel, dass jemand wirklich betrunken ist, aber die Dargha, ihre Leibwachen und ihre Jäger verputzen eine ganze Menge an einem Tag.   Sie setzt sich auf einen der Hocker vor der Theke.   “Ich habe nicht viel Zeit,” fügt sie dann hinzu. “Die Dargha hat mich nur geschickt, dir das Geld zu bringen. Ich möchte sie nicht verärgern. Niemand will die Dargha verärgern, und wenn du nicht gerade Mari oder Condir heißt, so bist du auch gut beraten, das nicht zu wollen.”
Tue, Jul 15th 2025 08:24

Astrid lächelte Gulama weiterhin strahlend an, während diese ihre Worte beendete. Astrid nickte verständnisvoll. Ihr Blick wanderte zu den drei Stapeln Münzen auf dem Tresen.   „Fünfzehn Filis?“, fragte Astrid ungläubig, dann brach sie in ein leises Lachen aus. „Eigentlich hat sie ein gutes Herz, oder? Sie muss den Schein wahren.“ Astrid beugte sich etwas näher über den Tresen, ihre Stimme sank zu einem vertraulichen Flüstern. „Ich mag sie, aber das bleibt unter uns, nicht wahr?“   Sie schnappte sich eine Weinflasche und schenkte Gulama großzügig ein Glas des besten Weins ein, den der "Lachende Zwilling" zu bieten hatte. „Der geht auf mich, meine Liebe.“ Astrid schob das Glas über den Tresen zu ihr. „Wie kommst du eigentlich in ihre Dienste? Du siehst jetzt nicht nach jemandem aus, den man einfach so auf der Straße aufgabelt.“
Tue, Jul 15th 2025 03:24

Gulama zuckt mit den Schultern, schaut dann nach links und nach rechts, bevor sie sich auch über den Tresen beugt und ganz leise antwortet: “Ich versuche, daran zu glauben. Aber ich bin mir da nicht so ganz sicher. Ich habe grausame Dinge gesehen, die nur eine Bestie zu tun imstande ist. Und ich habe Dinge gesehen, die nur ein guter Mensch macht.”   Sie setzt sich dann wieder hin, bedankt sich für den Wein und nippt daran.   “Ich bin nicht die Bedienstete der Dargha,” beantwortet sie dann den zweiten Teil von Astrids Frage. “Ich bin ihre Sklavin. Gott sei Dank ist Fräulein Marissa da, so bin ich noch am Leben, und so werde ich auch gut behandelt. So begrapscht die Dargha mich manchmal, aber ansonsten geht es mir gut bei ihr. Also, den Umständen entsprechend.”   Sie denkt nun einen Augenblick lang nach, bevor sie weiter spricht: “Du wirst es vielleicht schon wissen, aber mein Vater hat für Stafan die Finanzen geregelt. Das heißt, er hat Stafan dabei geholfen, dem Haus Imeria das Geld unter der Nase wegzustehlen, und ganz ehrlich, er hat sich selbst auch seinen Teil genommen. Du wirst wohl auch wissen, was mit Stafan und seinen Männern passiert ist. Schließlich haben im Viertel alle noch Tage danach von den verzweifelten Schreien gesprochen, die man gehört hat, als die Dargha sie zu Tode gefoltert hat. Mein Vater schien dabei ganz gut davonzukommen, niemand hat ihn zunächst verdächtigt, etwas mit Stafan zu tun zu haben. Aber dann ist meinem Bruder eine dumme Idee gekommen, und zwar die Dargha, die damals noch Jägerin war, oder vielleicht doch schon Dargha, ich weiß es nicht mehr, mit seinen Freunden zu vergewaltigen. Und Geld dafür zu nehmen, damit jedermann mitmachen oder zuschauen konnte. Es waren Mari und Theomer, die die Dargha gerettet haben, sagt man. Naja, jedenfalls ist die Dargha dann zu unserem Haus gekommen. Sie hat meine Mutter erstochen, meinen Vater massakriert, meinen Bruder und seine Freunde gefoltert und dann vor unserem Haus, das jetzt ihre Residenz ist, gepfählt. Du wirst dich vielleicht an ihre Leichen auf den Pfählen erinnern, die hingen da ja, bis sie zu stinken begonnen haben. Ich wurde als einzige verschont, und ich glaube eben, dass Mari die Dargha dazu überredet hat. Seither bin ich die Sklavin der Dargha.”   Sie nippt abermals von ihrem Glas.   “Das ist meine Geschichte, warum ich der Dargha diene,” schließt sie die Erzählung.
Wed, Jul 16th 2025 04:51

Astrids Lächeln zerfiel wie ein altes Holzhaus beim Erdbeben. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, und ein bitterer, galliger Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus. Die Geschichten, die Gulama erzählte, ließen ihr das Blut in den Adern gefrieren. Sie war geschockt, bis ins Mark erschüttert von der Brutalität, die so unverblümt aus Gulamas Worten sprach.   „Das… das tut mir leid“, stammelte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein heiseres Flüstern, das im großen, viel zu leeren Schankraum des "Lachenden Zwillings" zu verschwinden drohte. Ihre Gesichtszüge wurden bleich, und sie schluckte schwer, als würde sie versuchen, einen großen, trockenen Klumpen hinunterzuwürgen. Das war das Schlimmste, was sie je gehört hatte. Ja, sie hatte gesehen, wie Saya den alten Ruthard getötet hatte, dessen Enkel nun versuchte, die Schenke mit am Leben zu halten. Das war schlimm gewesen, ja. Aber es war nichts im Vergleich zu dem, was Gulamas Eltern widerfahren war, die auf Pfählen vor dem Haus hingen, das nun Sayas Residenz war. Die Bilder, die sich in ihren Gedanken formten, waren abscheulich.   Mechanisch griff Astrid nach den Filis auf dem Tresen, ihre Hände fühlten die rauen Kanten der Münzen. Sie steckte das Geld ein. Ihr Blick traf Gulamas, voll von einer tiefen, neuen Empathie. Die stickige Luft der Schenke, vermischt mit dem Geruch von abgestandenem Bier und altem Holz, schien plötzlich schwer auf ihrer Brust zu liegen.   „Kann ich dir… irgendwie helfen?“, fragte Astrid leise. Der Wunsch, dieser Frau, die so viel Leid erfahren hatte, beizustehen, war plötzlich überwältigend.
Wed, Jul 16th 2025 07:13

Ein freundliches Lächeln legt sich auf die Lippen der Blondine.   “Nein,” antwortet sie. “Es geht schon. Wie gesagt, Mari sorgt dafür, dass ich gut behandelt werde. Ich werde von den Jägern respektiert, und die Dargha ist eigentlich auch ganz gut zu mir. Und Mari, naja, die ist die netteste und klügste Person, die ich je kennengelernt habe. Ganz ehrlich, wenn ich morgen die Freiheit erhalten würde - ich würde mich um eine Anstellung bewerben. Gut, ich wüsste auch nicht, wo ich sonst hin sollte, aber ich habe mein altes Zimmer, gut zu essen. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich glaube, es geht mir nicht schlechter als dir. Im Endeffekt musst du ja genauso machen, was die Dargha sagt, wie ich. So frei ist ja niemand im Gebiet Imerias.”   Sie nippt wieder von ihrem Glas.   “Aber, sag mal,” sagt sie dann und schaut Astrid tief in die Augen, “warum redet denn die Dargha mit dir immer so, als wärest du eine Thornhofferin?”
Wed, Jul 16th 2025 10:02

Astrid nickte, ihre Miene wurde ernster. „Das liegt daran, dass ich eine bin“, erwiderte sie Gulama, ihre Stimme sank zu einem leiseren Ton, der kaum über das leise Gemurmel der wenigen Gäste im "Lachenden Zwilling" hinausreichte. „Ich bin von meinem Bruder geflohen. Ich konnte diese verdammte Fischereigeruch einfach nicht mehr ertragen, diese ewigen Netze und das Salzwasser, das in den Augen brennt.“ Sie sah kurz zu ihren narbengezeichneten Händen, als würde die Erinnerung an die harte Arbeit noch immer schmerzen.   „Eigentlich suchte ich Theomer, als ich hierherkam. Ich hatte gehört, er sei in Imeria, und ich brauchte jemanden, der mir half, auf eigenen Beinen zu stehen. Aber die Dragha behauptet, er sei tot.“ Ein leichter Schatten huschte über Astrids Gesicht, der sich in den dunklen Winkeln des Schankraums zu verlieren schien. „Ich will mir hier etwas Eigenes aufbauen, alleine. Ich halte diese ewige Bevormundung meines Bruders nicht mehr aus. Er wollte mich immer nur beschützen, aber er hat mich erstickt.“ Sie verzog das Gesicht. „Er ist ein Fischer, der jetzt auch noch Aufgaben direkt von Thornhoff übernommen hat. Diese doofe Akademie… Er redet nur noch von Zahlen und Plänen, als wäre das Leben ein großes Rechenspiel. Ich hielt das einfach nicht mehr aus.“ Ihr Blick verriet eine tiefe Abneigung gegen die Welt, die sie verlassen hatte, und eine noch tiefere Sehnsucht nach Unabhängigkeit.
Wed, Jul 16th 2025 11:22

Gulama sieht Astrid ernst an. Dann sinkt ihr Blick auf den Tresen.   “Theomer ist auch tot,” sagt sie leise. “Ich habe gehört, wie sie der Dargha die Nachricht überbracht haben. Aber so weit ich weiß, hat sie mit seinem Tod gar nichts zu tun. Jedenfalls wirkte es nicht so, als hätte sie bereits gewusst, was passiert ist.”   Dann schaut sie wieder auf, sieht Astrid zunächst prüfend an, bevor sie weiterredet: “Die Dargha hat in den letzten Tagen vielen geholfen, sich etwas aufzubauen. Aber alleine, das schaffst du nicht. Du baust dir etwas auf, wenn die Dargha es will und es zulässt, vielleicht hilft sie dir dann auch dabei. Aber wenn sie nicht will, dass du dir etwas aufbaust, dann wirst du es nicht schaffen.”   Sie macht eine kurze Pause, fügt schließlich hinzu: “Du solltest dich mit der Dargha gut stellen. Im Moment ist sie nicht sehr gut auf dich zu sprechen.”
Wed, Jul 16th 2025 02:43

Astrid dachte einen Moment lang nach, ihr Blick ging ins Leere, während die Worte Galamas in ihrem Kopf nachhallten. Dann nickte sie kurz, und ihr Lächeln kehrte zurück, diesmal nicht gezwungen, sondern mit einer Spur von echter Erkenntnis.   „Weißt du“, begann Astrid, ihre Stimme wurde etwas leiser, „ich bin diese Art der Behandlung einfach nicht gewöhnt.“ Sie gestikulierte leicht mit einer Hand. „Ich komme aus dem Thornhoff-Gebiet. Dort kann man größtenteils sagen und tun, was man will, solange man den Obrigkeiten nicht direkt in die Quere kommt. Es ist… es ist ein wenig schwerer, sich an diese Regeln hier zu halten, vor allem wenn man sie nicht kennt.“   Ein nachdenklicher Ausdruck legte sich über ihr Gesicht. „Aber“, fügte sie hinzu, und ein leicht trotziger Glanz trat in ihre Augen, „sie scheint mich doch zu mögen, sonst wäre ich schon tot.“
Wed, Jul 16th 2025 03:33

Gulama beginnt nun zu lachen. Es ist jedoch nichts spöttisches dabei, es ist ein ehrliches, belustigtes Lachen.   “Astrid, du musst, glaube ich, noch viel lernen,” antwortet sie. “Es gibt hier nicht viele Regeln. Du verehrst das Haus Imeria. Du tust alles, dass die Leute über dir ein gutes Bild von dir haben. Die Dargha hat dir und deine Freundin den Zwilling überlassen. Also führst du ihn, so gut du kannst. Und wenn die Dargha ihre Abgaben will, dann gibst du sie ihr. Das ist auch schon alles. Ich weiß nicht, ob sie dich mag, vielleicht irgendwie, aber ich will ehrlich sein: Sie war heute echt angefressen, als du weg warst. So schlecht gelaunt ist sie nicht so oft. Astrid, du musst aufpassen, ganz ehrlich.”   Natürlich ist sie gegen Ende ihrer kurzer Rede ernst geworden. Nun schaut sie Astrid inständig an.   “Du siehst gut aus, das ist sicher von Vorteil,” sagt sie dann. “Aber verlass dich nicht darauf, dass die Dargha dich mag. Du hast schon recht, andere hätte sie abgestochen, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber reiz sie nicht jedes Mal, wenn du da bist. Astrid, sie kann böse sein. Sie kann sogar sehr böse sein.”
Mon, Jul 21st 2025 11:19

Astrid nickte zustimmend. Gulama hatte recht, das spürte sie. Die Wut und die Aggression in Sayas Augen waren unvergesslich gewesen. Doch dann blieb Astrids Blick an Gulama hängen, und ihre Wangen färbten sich leicht rosa. Ein schelmisches Lächeln spielte um ihre schmalen Lippen. „Ich sehe gut aus?“, fragte sie leise, ihre Stimme wurde einen Hauch koketter. Sie legte den Kopf leicht schief und zwinkerte Gulama kurz zu, während ihre dunkelbraunen Augen einen augenblicklichen Funken zeigten, der mehr als nur Interesse verriet.   Sie räusperte sich kurz, holte sich aus dem Flirt zurück, auch wenn ein warmes Gefühl in ihr blieb. „Was schlägst du denn vor, soll ich machen bei der Dragha? Es ist nicht meine Art, immer Ja und Amen zu sagen.“ Astrid schwieg einen Moment, der Klang der Worte Galamas hallte noch immer nach, besonders das „sehr böse“.   „Und… was genau läuft eigentlich zwischen dir und dieser Mari?“, fragte Astrid dann, ihre Neugier war unüberhörbar.
Mon, Jul 21st 2025 02:35

Gulama schüttelt heftig den Kopf.   “Gar nichts!” kommt es wie aus der Pistole geschossen. “Zwischen Fräulein Marissa und mir läuft gar nichts. Ich bin die Sklavin der Dargha, ich habe ihr zu dienen, und nicht Fräulein Marissa. Sie ist immer gut zu mir, und ich mag sie. Das ist auch schon alles. Mehr würde die Dargha gar nicht zulassen! Wirklich nicht!”   Fast hat sie sich in höchste Aufregung geredet, macht nun eine Pause, in der sie sich wieder beruhigt.   “Ja, du siehst gut aus,” antwortet Gulama, “und ich glaube, das weißt du sehr gut. Warum glaubst du, hat die Dargha dich mit ins Badezimmer genommen? Ich war dabei, als du bei der großen Audienz war. Ich war nicht dabei, als du mit ihr im Badezimmer warst. Aber da musst du irgendetwas Dummes gesagt haben. Bei der Audienz, da hättest du fast alles von ihr haben können. Seit Eurem Treffen im Badezimmer, naja, da ist alles anders. Und jedes Mal seitdessen ist es irgendwie schlimmer geworden.”   Sie schaut nun beinahe beschwörerisch an.   “Astrid, sei vorsichtig!” wiederholt sie, was sie vorher schon gesagt hat. “Du scheinst dir einen Spaß zu machen, die Dargha zu reizen. Aber das ist gefährlich, gefährlicher als du meinst. Sie könnte dir den Hals umdrehen, und kein Hahn würde danach krähen. Du könntest aber auch alles haben, was du dir vorstellen kannst, wenn du nur mit der Dargha gut auskommst. Das ist nicht nur in diesem Viertel so, das ist überall so. Und, ganz ehrlich, die Dargha Nayara, sie bietet Möglichkeiten, die du unter Stafan nicht gehabt hättest. Freilich, unter Stafan konnte jeder tun und lassen, was er wollte. Wenigstens weitestgehend. Ihm war nur wichtig, dass sein Säckel gut gefüllt war. Die Dargha Nayara, die ist das genaue Gegenteil. Die nagelt jeden fest, der sich falsch bewegt. Aber sie gibt auch Möglichkeiten. Du musst diese Möglichkeiten nutzen, Astrid!”   Gegen Ende hat Gulama freilich ziemlich leise geredet und ist dadurch freilich Astrid ziemlich nahe gekommen. Nun entfernt sie sich wieder etwas, legt ihr aber eine Hand auf die Schulter.   “Und ich sage dir das, weil ich dich mag,” fügt sie hinzu. “Nicht, weil es mir die Dargha aufgetragen hätte!”
Tue, Jul 22nd 2025 07:35

Astrid hörte Gulamas Worten aufmerksam zu, ihr Lächeln war verschwunden und wich einem nachdenklichen Ausdruck. Gulamas Hand auf ihrer Schulter brannte nicht, aber sie fühlte das Gewicht der Worte, die sie begleitete.   „Ich verstehe“, sagte Astrid leise, fast zu sich selbst. Die Geschichte von Gulamas Familie, Sayas Unberechenbarkeit und die deutliche Warnung vor Sayas Zorn hallten in ihr nach. Sie wusste, dass Gulama recht hatte – diese Art der Macht kannte keine Grenzen, und Astrids Thornhoffer Sturheit würde sie hier in große Schwierigkeiten bringen, wenn sie nicht aufpasste. Der Gedanke, immer Ja zu sagen, widerstrebte ihr zutiefst, doch der Preis für den Widerstand schien zu hoch.   Sie blickte Gulama an, ihre dunkelbraunen Augen zeigten eine Mischung aus Dankbarkeit und einer neuen Entschlossenheit. „Danke, Gulama“, sagte sie ernst. „Ich werde darüber nachdenken. Über alles.“ Sie hob kurz ihre Hand, um Gulama auf ihrer Schulter zu berühren. Es war ein ungewohntes Gefühl der Verbundenheit, eine seltsame Allianz, die sich hier im "Lachenden Zwilling" zwischen einer geflohenen Thornhofferin und einer Imerianischen Sklavin bildete.   Die beiden Frauen standen einen Moment schweigend am Tresen, umgeben vom gedämpften Morgenlicht und dem Geruch von altem Bier und frischem Brot. Astrid würde das Gespräch später mit der Dragha suchen, aber jetzt musste sie erst einmal Gulamas Worte verarbeiten und einen neuen Plan schmieden.
Tue, Jul 22nd 2025 07:57

Astrid verbrachte den Rest des Vormittags damit, die Worte Gulamas zu verarbeiten und einen Plan zu schmieden. Sie wusste, dass sie ihre Einstellung zur Dragha ändern musste, wenn sie in Imeria eine Zukunft haben wollte.
Tue, Jul 22nd 2025 07:57

“Mach das, Astrid,” antwortet Gulama mit einem Lächeln. “Ich möchte wirklich nicht, dass du wieder am Balken landest, oder schlimmer, irgendwann als Rattenfutter endest.”   Sie trinkt nun ihr Glas Wein aus.   “Aber ich denke, ich sollte nun wirklich wieder aufbrechen,” antwortet sie und grinst dann etwas schelmisch. “Am Ende lande ich noch am Balken, weil ich zu lange fort war!”   Sie legt nun ihrerseits ihre Hand auf Astrids Schulter.   “Sprich mit ihr,” sagt sie dann. “Aber sei vorsichtig dabei! Jeder einzelne hier ist im Endeffekt ganz und gar von der Dargha abhängig! Denke dabei auch an das Gute, was sie bisher gemacht hat. Das Reparieren der Brunnen, den Kampf gegen die Banden, die sich inzwischen weitestgehend verzogen haben. Vielleicht gelingt es dir, ihr Bild von dir zu verändern.”   Sie schiebt die drei Stapel mit den Münzen näher zu Astrid hin.   “Mögen die Zwillinge dir hold sein,” grüßt sie zum Abschied, dann wendet sie sich um, um mit dem ihr so typischen leichten Wippen mit der Hüfte den Zwilling zu verlassen. Einige Gäste werden ihr wohl noch eine Zeitlang nachschauen, auch nachdem sie das Lokal verlassen hat.