Triumphgeschenke

"Wie behandeln wir das Ganze, Sir?", murmelte Jawick, während er das Gesicht in seine Hände vergrub und sich über die schmerzende Stirn rieb. Er hob die Augen wieder und blickte auf den toten Körper zu seinen Füßen. Der Mann war höchstens zwanzig. Arbeiterkleidung, kein Schmuck, Schwielen an den Fingern und Dreck unter den Fingernägeln. Mehrere blaue Flecke und geschwollenes Fleisch bedeckten sein Gesicht. Die Adern neben seinem rechten Auge waren aufgeplatzt und getrocknetes Blut klebte bis zu seinem rechten Ohr. Sein Kinn war teilweise gespalten, offensichtlich durch mehrere schwere Hiebe. Jawick seufzte, der Junge war kaum älter als sein eigener Sohn.
"Nichts was wir tun können.", erwiderte sein Kommandant neben ihm, begleitet von einem ebenso tiefen Seufzer, "Der Junge wusste, worauf er sich einlässt, er kannte das Risiko." Jawick fuhr unter den Worten zusammen, als hätte ihn selbst ein Schlag getroffen.
"Aber, Sir, das ist weit über dem akzeptablen Rahmen.", seine Stimme entfuhr ihm lauter als er gewollt hatte. Natürlich wusste er, dass Harthol recht hatte. Der Junge war naiv gewesen und hatte einen Kampf gesucht, den er nicht gewinnen konnte.
Harthol ignorierte seinen kurzen Ausbruch und wandte sich stattdessen der staatlichen Gestalt zu, die einige Meter hinter ihnen an einer Hauswand lehnte. Der Hüne von einem Mann zog kraftvoll an einer Zigarette und brannte sie bis auf seine Finger herunter. Trockenes Blut klebte weiterhin an seinen Händen, sowie in einzelnen Tropfen auf seinem Gesicht.
"Sie dürfen gehen, es wird keine weitere Ermittlung geben."

Als Triumphgeschenke werden im Militärstaat Lahoral Präsente bezeichnet, welche nach dem Sieg über einen Gegner an sein oder ihr Kind übergeben werden dürfen. Sie basieren auf einer alten Tradition nach welcher ein potenzieller Lebenspartner die Eltern des Kindes im Kampf bezwingen muss, um etwaige Avancen auf eine neue Stufe anzuheben.

Inhaltsverzeichnis

Tradition

Lahoral gilt seit seiner Gründung als das Land der Stärke. Der soziale Status einer Person wird in weiten Teilen maßgeblich durch persönliche Stärke definiert. Innerhalb bestimmter Familien, insbesondere Adelsfamilien oder alt eingesessenen Stämmen wird bis heute eine archaische Praktik ausgeübt, um einen geeigneten Partner für die eigenen Kinder zu bestimmen. Will jemand um das Kind einer solchen Familie werben, so werden üblicherweise die Eltern zunächst um ihre Zustimmung gebeten. Gewähren sie diese Zustimmung nach einem intensiven Gespräch mit dem potenziellen Partner, ist es dem Antragsteller gestattet, ein Präsent an den oder die Auserwählte zu übergeben.

Dieses Geschenk ist zumeist aus einiger Arbeit produziert oder auf irgendeine Weise ein Ertrag, der aus körperlicher Leistung hervorging. Beispielsweise kann dies die feine Handarbeit eines Schusters sein, aber auch eine mit eigener Kraft erschlagene Bestie. Nimmt der oder die Auserwählte das Präsent an, beginnt unter Aufsicht der Eltern eine Zeit des Kennenlernens. Sie sind bei allen Treffen anwesend und kontrollieren die Einhaltung von allen gesellschaftlichen Ordnungen. Nach einer nicht näher definierten Zeit machen die zustimmenden Eltern dem Anwärter ebenfalls ein Geschenk, welches das seine oder ihre in Wert aufwiegen muss und ebenfalls aus eigener Kraft entstanden sein muss.

Akzeptiert der Anwärter dieses Geschenk, beginnt die letzte Zeit dieses "Paarungsgehabes". Vom Moment der Annahme des Geschenks erhält der Anwärter einen Monat Zeit, um eines der beiden Elternteile zu einem
by CSor96 (Wonder-App)
Zweikampf herauszufordern. Zu diesem Kampf muss allerdings auch der auserwählte Partner zustimmen. Wird man sich einig, so findet der Kampf exakt einen Monat nach dem zweiten Geschenk statt. Dieser Kampf unterliegt keinen wirklichen Regeln, außer den gewöhnlichen Regeln für Kämpfe in Lahoral. Siegt der Anwärter übergibt er ein finales Präsent an den oder die Auserwählte und besiegelt hiermit die Eheschließung.

Gesellschaftliche Rolle

Die Praktik des Triumphgeschenks wird ausschließlich in Lahoral beziehungsweise von lahoralschen Clans und Familien praktiziert und selbst hier nur von einem Teil des höheren Adels, sowie Familien, die versuchen ihren altehrwürdigen Ruf zu bewahren. Die Praktik erfreut sich innerhalb der übrigen Gesellschaft keines besonders guten Rufes, erfüllt jedoch häufig ihren Zweck den einfachen Pöbel von den höheren Gesellschaftsschichten fernzuhalten. Gleichzeitig dient die Praktik als immenser Anreiz die Familienoberhäupter nach lahoralschen Idealen stark und mächtig zu halten.

Insbesondere im Hinblick auf die Zweiteilung von Lahoral besitzen die Triumphgeschenke eine besondere Rolle. Kommt es zum Kampf zwischen dem Anwärter und einem Elternteil, so müssen von beiden Seiten die gleichen Mittel gewählt werden. Fordert der Anwärter beispielsweise zu einem reinen Faustkampf heraus, würde die Nutzung einer Waffe oder übernatürlicher Mittel dazu führen, dass der rechtliche Schutz der Praktik verfällt und das Endresultat juristische Konsequenzen nach sich ziehen könnte. Daher ist eine vorherige Ausformulierung der Maßstäbe des Kampfes von immenser Wichtigkeit, insbesondere da solche Kämpfe nicht selten in einem Blutbad enden können.

Kommentare

Please Login in order to comment!