Keine Ahnung, wie die anderen das machen. Was genau? Nah, dass sie stoisch sind, als wir bei Venxaroncas waren. Vielleicht war das für die keine große Sache - sollte es aber schon? Wobei ich mir sicher bin, dass es für die meisten trotzdem was Großes ist. Keine Ahnung, wie sie dann nur all-business sein können. Man sollte meinen, dass man den Moment nehmen darf, um einfach mal nur da zu stehen und zu starren. Gerade wenn Venxaroncas vor einem steht. Egal, ob er einen sichtbaren Markel an sich trägt mit dem Streifen dunkler Schuppen. Auch wenn es nur wie unpoliert aussah, waren wir uns alle klar, dass es nicht nur das war. Ich bin mir ja ziemlich sicher, dass man mehr darüber herausfinden könnte, wenn ich es mir nur mehr anschauen dürfte. Oder vielleicht auch Pharyn. Oder wir beide zusammen. Nur ein bisschen mehr als aus der Entfernung und dann noch so im Halbschatten verborgen. Jajaja, man sieht Sachen mit den Augen an, aber damit stellt man auch keine Hypothesen auf, oder kommt zu Ergebnissen!
Zumindest unser aktuelles Ziel ist ziemlich eindeutig. Den Schatten loswerden. Auf die ein oder andere Weise, da er nicht getötet werden kann. Auch wenn ich mir sicher bin, dass Venxaroncas da einiges versucht hat und sein bestes gegeben hat, glaube ich, dass es vielleicht andere Möglichkeiten geben könnte? Ich bin mir noch nicht sicher, was genau, aber es wäre doch verrückt, wenn Magie nichts bieten würde, um einen solchen Schatten loszuwerden. Wie unheimlich müsste ein solcher Schatten sein, der allem widerstehen kann. Und irgendwie kann ich das nicht so ganz glauben. Für den Moment scheint es aber genug zu sein, den Schatten zu binden. Dafür Will Venxaroncas den Schatten an einen der Punkte locken, an denen er gebunden werden kann. Dafür braucht es mindestens einen Magier. Gut, dass wir zwei haben. Und in der Theorie könnten auch die anderen beiden helfen, wenn wir sie nur genug einweisen. Nichts wäre tragischer, als wenn es nicht klappt, weil schlampig Symbole gezeichnet wurden. Der besagte Punkt liegt an einer Stelle, an der sich die Ley-Linien kreuzen. Dort kann man den Schatten initial binden. Danach müsste er in mehrere Teile zerteilt werden, die entlang der Linien weiter gebunden werden. Stück um Stück. Ich frage mich, was die ideale Menge wäre. Ob es besser wäre, je kleiner man seine Macht aufteilt, oder ob das das Risiko nur erhöht, dass solche Bindungen gebrochen werden. Einfach zu brechen dürften sie deswegen nicht sein. Je kleiner der Teil, desto einfacher zu verstecken womöglich. Wenn man also den Anteil gesehen auf das Maximum sieht und das auf die Kilometer der Entfernung zum letzten Punkt sieht und dann den Durchschnitt der auf die Punkte verwendete Magie hinzuzieht und das ganze unter den bestmöglichen Voraussetzungen betrachtet, um es in einer Risikoanalyse mit den widrigsten Momenten abzugleichen und daraus den idealen Durchschnitt zu ziehen....
So oder so, muss der Schatten weichen. Wir alle kennen grausige Geschichten, was die Dunkelheit angerichtet hat und wie Natur und Kreaturen auf sie reagieren. Die anderen der Gemeinschaft hatten mir davon erzählt, ich habe es selbst nur einmal aus der Distanz gesehen, aber man braucht nicht zu viel Hirnschmalz, um sich auszumalen, wie sich das Ganze weiter skalieren kann.
Also brachen wir auf und sahen selbst, wie die Natur sich veränderte. Als würden wir durch die Jahreszeiten reiten. Frische, lebendige Natur wurde nach und nach auf hohes, gelbes Gras, Pilze und Moos und langsam absterbende Büsche reduziert. Und dabei eine hohe Wand aus Dunkelheit, die nicht nur die Pferde scheu macht. So interessant sie im Prinzip auch ist und es mich in den Fingern juckt eine Langzeitstudie, oder vielleicht sogar mehrere, aufzuziehen, so eindeutig ist, wie falsch diese Dunkelheit ist. Wir fanden tote Körper und offenbar tierische Spuren. Mir sagten sie nichts und den anderen ebenfalls nicht, also kann es nicht schaden sie für die Nachwelt aufzuzeichen. Ich bin mir sicher, dass ich mich später nicht einfach daran erinnern würde. So sehr die Dunkelheit auch alles Leben zu vertreiben scheint, scheint es Fey nicht zu vertreiben. Zumindest fanden wir heraus, dass in einem verlassenen Dorf kürzlich noch Feen gewesen waren. Ihr Streit um Sahne schien nicht, als würden sie sich sorgen. Und ich bezweifle, dass dieser Moment noch vor der aufkommenden Dunkelheit stattgefunden hatte. Einerseits faszinierend, dass es sie scheinbar nicht beeinflusst - fraglich ob nur kurzfristig oder sogar langfristig -, aber es eröffnet die Möglichkeit, dass wir es mehr mit Fey zu tun haben werden und ich bin mir nicht sicher, ob wir dafür ausgerüstet sind. In dem Fall hätten wir mehr Sahne mitbringen sollen, mehr kleine Geschenke und uns Decknamen zulegen können, die wir getrost verlieren können. Ich bin mir nicht sicher, ob die anderen sich ebenfalls darüber Gedanken machen.
Als wir rasteten, wirkte keiner der anderen allzu besorgt auf mich. Aber wie auch ich, fanden sie nicht wirklich Erholung in der Nacht. Von Glöckchen angelockt, untersuchten wir einen verdorrten Baum, dessen kahle Krone mit Glöckchen geschmückt war, während schleimige, weiße Pilze um ihn wuchsen. Sie erinnerten mich an Champignons, die ihre besten Tage bereits hinter sich gehabt hatten. Mir ist klar, dass es keine Champignons sind. Diese Art kommt öfter in den lange dunklen Gebieten vor, aber trotzdem war es der erste Vergleich, der mir durch den Kopf schoss. Die zu dem Baum gehörige Driade sah alles andere als der Jahreszeit angemessen aus. Eingefallene Wangen und struppige Haare. Selbst für die Winterjahreszeit sähe sie schlecht aus. Sie war wenig begeistert von uns, was ich verstehen kann, berichtete uns aber von ihrer Abmachung mit den Pilzen, die sie anscheinend aktuell am Leben halten. Interessant eigentlich. Ob sich das auf andere Organismen übertragen lässt? Und wo wäre da die Grenze?
Auf jeden Fall, gab sie uns Glocken von ihrem Baum zum Schutz vor ihren dunklen Brüdern und Schwestern, auf die wir noch treffen könnten - ich hoffe ja nicht. Und im Gegenzug sollen wir ihr die Sonne wiederbringen. Das sollte - hoffentlich - einfach sein, wenn wir den Schatten erst einmal gebunden haben.