Strahd ist für dich eine reale Gefahr, auch wenn er selbst zu deinen Lebzeiten nie in Erscheinung getreten ist - er soll seit über hundert Jahren schlafen. Doch die Wölfe in den Wäldern, die Werwölfe, manche Vistani und auch sonst ungefähr alles, was einen in diesem Tal gefährlich ist oder sein soll, weist irgendeine Verbindung zu Strahd auf - gerüchteweise sind sie alle seine Augen und verlängerten Arme.
Dieses Tal ist deine Heimat, aber irgendwie auch ein Gefängnis. Die ältesten Geschichten, die deine Familie untereinander weitergeben, erzählen von einer Welt, die um ein vielfaches Größer ist als dieses Tal, doch wer dieses Tal verlassen will, verschwindet in den immerwährenden Nebeln, die es umgeben und kommt niemals zurück. Wer die Nebel betreten hat und genug Grips hatte, schnell wieder umzudrehen, erzählt von Orientierungsproblemen, Gedächtnisverlust und gedämpften Schreien.
Hoffnung ist in Barovia ein rares Gut. Viele der Menschen, die hier geboren werden, haben keine Seele - zumindest behauptet man das über diejenigen, die bei ihrer Geburt nicht schreien und auch den Rest ihres Lebens keine Emotionen zeigen außer einer ständigen, drögen Traurigkeit. Aber auch dem Rest der Barovianer geht es nicht viel besser. Wer Freude empfinden kann, kann auch daran verzweifeln, wie wenig von ihr man hier findet. Wo die Bedrohungen von außen nicht hinreichen, ersetzt sie offenbar die städtische Politik. Vallaki ist hinter seinen gut bewachten Mauern von den dunklen Wäldern abgeschottet, doch Bürgermeister Vallakovitch zwingt die Leute seiner Stadt förmlich zu Freude und Festen ("Alles wird gut werden!"). Wer das hörbar absurd findet oder die Gewalt der Stadtwachen kritisiert, wird bestraft oder verschwindet einfach.
Deine Familie ist eine Ausnahme von dieser Hoffnungslosigkeit. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ihr Werraben seid. Das bedeutet, dass ihr eure Augen und Ohren in Rabengestalt überall haben könnt. Das bedeutet aber auch, dass ihr im Notfall gut kämpfen könnt, zumal zumindest deine Eltern sehr viel Wert darauf gelegt haben, euch das Kämpfen von klein auf beizubringen. Dass ihr Werraben seid, ist ein wohlbehütetes Geheimnis. Ihr haltet Raben auf eurem Dachboden, das hilft euch, das zu verstecken. Und weil Raben in Barovia als Glücksbringer gelten (wer einen Raben verletzt, soll mit Pech bestraft werden), hinterfragt das auch niemand. Raben unterm Dach sind zweifellos gut fürs Geschäft! Das bedeutet zwar alles noch lange nicht, dass ihr Strahd gefährlich werden könnt - doch wie dein Vater sagt: "Hoffnung ist Rebellion!", und so helft ihr im Kleinen euren Mitbürgern gegen Unrecht, haltet Augen und Ohren offen und wartet auf die große Chance, den Teufel Strahd doch irgendwann zu vernichten.
Zu deiner Familie, den Martikows, gehören nicht nur deine Eltern und Geschwister, sondern auch der Teil eurer Sippe, der das Weingut "Rebenzauberer" weit im Westen betreibt, das das gesamte Tal mit Wein versorgt. Mit diesem Teil der Familie habt ihr aber keinen Kontakt. Als du einmal besonders hartnäckig gefragt hast, woran das liegt, sagte dein Vater so etwas wie "Wir haben mit denen keinen Kontakt, weil sie mich als jungen Kerl vor die Tür gesetzt haben. Weil mein Vater, der sture alte Bock, mir die Schuld für etwas gegeben hat, mit dem ich nichts zu schaffen hatte." und damit war das Thema beendet.
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