23. April 1957

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Johann ließ seine Augen über die schlichte Fassade von San Bartolomeo all’Isola schweifen, während Grigori schon wieder ungeduldig auf die Uhr schaute. „Ich wusste, dass James nicht pünktlich sein wird. Wir hätten uns gleich in der Bibliothek treffen sollen.“, knurrte der große, bärtige Ukrainer.  Johann wurde durch diese Unterbrechung aus seinen Gedanken gerissen: „Du weißt doch, dass die britischen Uhren langsamer ticken. Er wird wohl den Osterdienstag noch als Feiertag verstehen und deshalb später aufgestanden sein. War dir bekannt, dass diese Kirche von Kaiser Otto II. in Auftrag gegeben wurde?“

Ohne zu zögern, stieg Grigori auf das Ablenkungsmanöver Johanns ein: „Natürlich wusste ich das. Nun behaupte aber nicht, dass diese Kirche Hinweise darauf enthielte, dieser Otto wollte durch die besondere Verehrung des Apostels der Armenier eine Brücke zum Osten schlagen.“ Johann musste nur kurz nachdenken: „Du hast doch nicht vergessen, dass dieser Otto die Nichte des byzantinischen Kaisers geheiratet hat? Damit hätte der Streit zwischen Ost und West ein Ende haben können.“

Grigori lachte: „Ihr Österreicher seid schon ein romantisches Völkchen. Man kann nicht jeden Konflikt durch eine Heirat lösen. Und schon gar nicht, nachdem im Zeitalter der Demokratien die Staatsoberhäupter so schnell wechseln, dass sich Heiraten gar nicht mehr auszahlt. Außerdem war Theophanu nur sehr indirekt Nichte von Kaiser Johannes.“

Obwohl Johann schon zu einer weiteren Rechtfertigung der besonderen Stellung Kaiserin Theophanus ansetzen wollte, hielt er inne, als James mit seinen etwas zu langen Haaren um die Ecke bog. „Ah, ihr seid ja noch da; bei eurem Fleiß hatte ich vermutet, dass ihr schon in die Bibliothek verschwunden seid.“ Grigori schüttelte etwas unwillig den Kopf: „Wie kann deine Königin nur ein so großes Reich zusammenhalten, wenn ihr immer so chaotisch seid? Lass mich raten: Du warst ganz intensiv in das Studium vertieft und hast die Zeit übersehen?“

James schüttelte heftig den Kopf: „Nein, und sobald ihr erfahren haben werdet, weshalb ich mich verspätet habe, werdet ihr es verstehen: Ich musste noch ein Buch zu Ende lesen, das ich von meiner Schwester zu Ostern geschickt bekommen habe. Und zu dir, Grigori, kann ich nur sagen, dass du dich mehr wie ein Thüringer als wie ein Ukrainer anhörst. Wir Briten sind nicht die Repräsentanten eines unklugen Pünktlichkeitswahns. Wichtiger ist doch, zur richtigen Zeit das Richtige zu tun. Das ist der Grund für meine kleine Verspätung: Ein neuer Roman von Ian Fleming!“

Johann schüttelte skeptisch den Kopf: „Ich denke nicht, dass für unsere kirchengeschichtlichen Studien da etwas Interessantes drinsteht. Wir sollten jetzt wirklich zur Bibliothek! Außerdem ist er ein Anglikaner!“ Die Gruppe setzte sich in Bewegung, ohne das Gespräch zu unterbrechen.

„Wer, Fleming?“, fragte Grigori, der nun doch das Buch nahm und aufschlug, sogleich nachsetzend, „Liebesgrüße aus Moskau? Wer denkt sich denn so etwas aus? Da kommen höchstens Atomraketen her.“ „Oder“, meinte nun verschmitzt lächelnd Johann, „der gute Wodka, den es ab und zu bei dir gibt.“ Grigori hob die Schultern: „Aber nicht in der Fastenzeit, und davon haben wir ja nun eindeutig mehr als ihr. Insofern müssen wir das auch danach mit stärkeren Getränken kompensieren. Außerdem gibt es in der Ukraine besseren Wodka als in Russland oder Finnland.“

James griff nun wieder nach dem Buch: „Der Geheimagent, der natürlich denselben Namen trägt wie ich“, dabei strahlte er über das ganze Gesicht, „wird in diesem Buch eine wunderschöne sowjetische Geheimagentin verführen, die noch dazu eine Romanow ist.“ Nun begann Grigori zu lachen: „Ist Anastasia also doch nach Moskau zurückgekehrt, um jetzt für die Roten zu arbeiten?“

James, der sich dadurch nicht ganz ernst genommen fühlte, ergriff eine dozierende Haltung und klärte auf: „Natürlich nicht, du Banause, die Romanheldin heißt Tatjana! Und das Buch ist gut recherchiert. Fleming ist zwar Anglikaner, aber die Eltern meines Namensvetters stammen aus Schottland bzw. der Schweiz. Das spricht sehr dafür, dass er katholisch ist.“ „Oder reformiert, was sogar noch schlimmer wäre als anglikanisch“, bemerkte Grigori spöttisch.

Ein Glockenschlag riss die drei ungleichen Studenten aus ihrer Diskussion. Johann ergriff als erster wieder das Wort: „Ich habe nächste Woche eine Prüfung in San Anselmo. Dafür sollte ich gründlich lernen.“ Grigori wandte sich ihm zu: „Ich verstehe nicht, warum du Kurse in Gregorianik belegt hast. Für dein Studium brauchst du das ja gar nicht.“ James mischte sich nun ein: „Unser kluger Österreicher hat ja schon ein staatliches Geschichtsstudium über die große Geschichte seines Kaiserreichs, da wird ihm die Kirchengeschichte wohl zu wenig sein, die wir hier lernen.“

Johann ärgerte es, wenn die anderen auf die besonderen Umstände der Kirche in Österreich hinwiesen. Natürlich war es anders, als aus einem Land zu kommen, wo Katholiken in der Minderheit oder gar verfolgt waren, aber er bildete sich nicht ein, dass der österreichische Katholizismus den römischen Gepflogenheiten und Lehrmethoden überlegen war – auch wenn manchmal leise Gedanken dieser Art im Unterton seiner Schwärmereien von zuhause hörbar waren. Zur Verteidigung sagte er: „Erstens kann man die Stiftungspolitik Ottos III. wohl kaum als Geschichte des ‚österreichischen Kaiserreichs‘ bezeichnen; und zweitens sind diese Gregorianik-Vorlesungen sehr aufschlussreich. Mir war die Bedeutsamkeit des Textes in dieser Art des Gesangs vorher nicht so bewusst.“

James wurde ungeduldig: „Wirst du ihn lesen?“ Johanns Antwort, die ihn aus seinen Gedanken riss, fiel nüchtern aus: „Äh…ja, wenn ich Zeit habe, werde ich dieses großartige Produkt britischer Poesie lesen. Und ich werde versuchen herauszufinden, ob dein Lieblingsagent nun katholisch oder reformiert ist.“

Zu Grigori gewandt, sagte James: „Er ist ja nur eifersüchtig, weil es keinen österreichischen Geheimdienst gibt, über den man Romane schreiben könnte. Da geht es uns beiden besser, selbst“ räumte er nach einem stirnrunzelnden Blick Grigoris ein, „Wenn natürlich die Geheimdienste unserer Heimatregierungen aus katholischer Perspektive zu verwerfen sind. Aber“, setzte er fast trotzig hinzu, „spannende Geschichten geben sie allemal ab.“

Johann schüttelte den Kopf: „Alles, was man tun soll, das kann man öffentlich machen. Geheimdienste sind immer seltsam. Und wie die Geschichte lehrt, haben geheime Abkommen immer zu größerem Unheil geführt.“

Vor ihnen erhob sich die klassizistische Fassade der Bibliothek, die wortlos Schweigen gebot. Das Gebäude strahlte eine solche Autorität aus, dass selbst James sich schnell mit den gespreizten Fingern durch die Haare fuhr, um eine halbwegs seriöse Frisur hinzubekommen: „Wir sind da! Laßt uns in einem Meer von Wissen versinken.“

Die Wohnung bestand aus zwei Zimmern und einem kleinen Bad. Im Schlafzimmer fand sich ein schmales Bett, dessen Decke akkurat gefaltet war und dessen zwei Polster so aufgelegt waren, als stünde das Bett in einer Kaserne. In eine Wandnische waren zwei Kästen eingebaut.

Das zweite, größere Zimmer hatte an zwei Wänden Fenster, die den Blick auf den strömenden Regen freigaben. Neben der Eingangstüre befand sich ein kleiner Kleiderhaken, an der rechten Wand zwei Bücherregale und eine Kochnische, an der linken Wand ein kleiner Schreibtisch mit einigen Büchern und Notizen darauf. In der Mitte des Raumes stand der billige Esstisch mit vier Stühlen rundherum.

Die einzigen dekorativen Elemente waren zwei Bilder von Eisenbahnbrücken und ein Lenin-Bild, das über dem Schreibtisch aufgehängt war.

Ein letzter Blick auf die Uhr verhieß Aleksandra, dass der Besuch von Olga jeden Augenblick bevorstand. Sie liebte ihre Freundin aus frühen Kindertagen, auch wenn deren ungebremste Leichtigkeit ihr ebensosehr Sorge wie Ablenkung bereitete. Ein letztes Zurechtrücken des Tellers mit den Keksen in der Mitte des Esstischs wurde da schon vom heftigen Pochen an der Tür unterbrochen.

„Schläfst Du?“, war die helle Stimme zu hören, als Aleksandra die Tür öffnete. „Warum bist Du noch nicht umgezogen? Wir könnten doch heute Abend irgendetwas unternehmen? Wie wäre es mit einem Essen bei Grigori? Oder einem Film? Oder stört dich der Regen? Ach, ich hätte es fast vergessen:“, sprudelte es nur so aus Olga heraus, „hier ist dein Geschenk! Alles Gute zum Geburtstag!“

Mit diesen Worten umarmte sie Aleksandra heftig, wirbelt einmal mit ihr herum und drückte ihr dann ein in braunes Papier eingewickeltes, schmales Bändchen in die Hand. Ihren nassen Regenmantel warf Olga mehr auf den Kleiderhaken neben Aleksandras Mantel, als dass sie ihn aufhängte. Ohne aufgefordert zu werden, nahm sie auf einem der Sessel Platz und begann, genüsslich an einem Keks zu knabbern. „Mach es schon auf!“

Aleksandra schloss zuerst die Tür, nicht ohne routiniert auf dem Gang nach rechts und links zu sehen. „Vielen Dank für dein Geschenk! Willst du etwas Tee?“, fragte Aleksandra ruhig. „Willst du es denn gar nicht aufmachen? Tee können wir trinken, wenn wir alt sind. Heute gibt es Sekt!“, mit diesen Worten deutete Olga mit hektischen Handbewegungen das Öffnen des Pakets an, um gleich danach aus ihrer Stoffhandtasche eine Flasche Krim-Sekt zu nehmen. Flugs sprang sie von dem Sessel auf, um aus dem Küchenschrank zwei Wassergläser zu nehmen, den Sekt laut knallend zu öffnen und in beide Gläser einzuschenken.

Aleksandra war – wie jedes Mal, wenn sie auf Olga traf – wie elektrisiert von deren Temperament. Die Szene lief vor ihr ab, wie ein zu schnell gezeigter Film. Doch pflichtschuldig begann sie, vorsichtig das Papier, mit dem ihr Geschenk umwickelt war, aufzufalten. „Ich hätte es ja aufgerissen, aber du möchtest sicher das Papier zum Verpacken eines weiteren Geschenkes oder zumindest einer Jause verwenden, du vorbildliche Genossin!“, höhnte Olga. Schließlich konnte Aleksandra das Papier zur Seite legen und hielt ein Büchlein in Händen. Auf dem Einband, der natürlich aus rotem Papier bestand, war eine Gruppe Lenin-Pioniere zu sehen, die fröhlich singend marschierte. Aleksandra war verblüfft: „Mir ist schon klar, dass ich ein Jahr jünger bin als du, aber aus dem Komsomol-Alter bin ich doch heraus. Was soll ich denn mit einem Kinderbuch?“

„Du vergisst völlig, wo ich arbeite. Man merkt, dass du eine naive Architektin bist! Schlag doch das Buch auf!“ Aleksandra tat, wie befohlen und blickte erschrocken auf: „Liebesgrüße aus Moskau von Ian Fleming? Du schenkst mir ein Buch aus den USA? Bist du verrückt?“ Olga trat etwas näher an Aleksandra, streichelte ihr sanft über das Haar und reichte ihr ein Glas Sekt, „Du hast wieder aufs Falsche getippt: Fleming ist Brite. Und auch wenn manches in seinem Roman ein bisschen antisowjetisch ist, so sollten wir doch nicht vergessen, dass er im Krieg gut mit uns zusammengearbeitet hat, um die Deutschen zu besiegen.“ Aleksandra hob zaghaft das Glas, mit dem Olga sofort stürmisch anstieß, einen Schluck trank, und ohne Pause weiterredete: „Außerdem trinkt dieser gutaussehende Agent gerne Wodka, was ihn ja schon fast zu einem Genossen macht! Und...“, setzte sie ermutigend fort, „es gibt in unserem Block hier nur eine Handvoll Personen, die Englisch verstehen!“

Aleksandra setzte sich und begann in dem Buch zu blättern, auch Olga nahm neben ihr Platz.

„The naked man who lay splayed out on his face beside the swimming pool might have been dead.”, las Aleksandra laut vor, “Also wirklich. Das ist wieder typisch westliche Dekadenz: Nackte Männer, Schwimmbecken…“ „Ich will dir ja nicht zuviel verraten, aber der extrem muskulöse und kaltblütige Mann ist nicht tot, sondern ein genialer russischer Agent!“, unterbrach Olga Aleksandras Skepsis. „Hoffentlich ein sowjetischer Agent!“

Olga blickt gespielt schuldbewusst, dann lachten beide hell auf.

„Deine Geschenke waren schon immer etwas bizarr, aber deshalb freue ich mich auch jedes Mal besonders darauf.“ Olga legte ihren Arm um Aleksandras Schulter: „Weißt Du noch, als ich Dir damals die Socken geschenkt habe?“ Aleksandra nickte: „Zu meinem 9. Geburtstag hast Du mir Socken geschenkt, die ich heute noch tragen könnte!“ „Aber sie hatten einen schönen roten Stern eingestrickt! Und besser zu große als zu kleine Socken!“, lachte Olga. „Ja, Genossin Krassnakova hatte mit deinen Handwerkskünsten immer zu kämpfen. Aber mich haben diese Socken sehr gefreut. Es war eine harte Zeit damals und ich hätte nicht gedacht, dass wir da noch heil herauskommen.“ Olga richtete sich etwas auf und nahm einen weiteren Schluck von dem Sekt. „Dass wir das überlebt haben, ist nur dein Verdienst. Als die Deutschen die Krassnakova erschossen hatten, hast du uns gerettet. Als 9-Jährige eine Brücke zu sprengen und so dem Feind genug zu tun zu geben, dass wir 10 Mädchen durch den Wald flüchten konnten, ist eine Heldentat!“

Aleksandra stellte ihr Glas auf den Tisch und blickte zum Fenster. „Du weißt, dass ich darüber nicht spreche. In dem Zug, der in den Stausee raste, waren Verwundete. Es war ein Lazarettzug!“ Olga schüttelte den Kopf: „Es waren Feinde: Sie hatten Millionen der unseren getötet, nicht zuletzt unsere Lehrerin. Und wenn sie uns gefangen hätten, hätten sie uns vergewaltigt, verschleppt oder gleich dort getötet. Du musst aufhören, dir ständig Vorwürfe zu machen. Dein ganzes Leben wirkt wie eine einzige Entschuldigung für die wohl aufregendste Entscheidung deines Lebens: Das Wissen, das du von deiner Mutter abgeschaut hattest, zur Sprengung der Eisenbahnbrücke von Cacevicy zu nützen, war genial. Und es hätte deiner Mutter sicher viel Stolz bereitet, wenn sie von deinen brillanten Studienergebnissen und deinem Abschluss in Architektur erfahren hätte. Seither baust du eine langweilige Brücke nach der anderen…“

Aleksandra entspannte sich wieder ein wenig und lächelte zu Olga: „Brücken sind nicht langweilig, sie verbinden die Menschen miteinander. Außerdem habe ich auch schon an anderen Bauprojekten mitgearbeitet. Ich war sogar schon im Ausland!“ Olga winkte ab: „Im Ausland, dass ich nicht lache. Was hast du denn dort schon außer Baustellen gesehen: in Bulgarien und in diesem komischen Land in Afrika, wie hieß das nochmals?“ „Guinea. Wir haben dort Anlagen zur Versorgung der Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser und Energie vorgestellt und eine gute Kooperation aufgebaut.“ Olga winkte ab: „Das Land ist ja nicht mal selbständig. Gehört es nicht den Franzosen?“

„Es ist eine Kolonie der Republik Frankreich, aber irgendwann wird es unabhängig werden. Und dann wird es dort Fortschritt und Wohlstand für alle geben! Aber laß uns nicht über Politik reden.“ Olga lächelte, trank noch einen Schluck: „Gib zu, dass du ein bisschen eifersüchtig auf mich bist, weil ich den spannenderen Job bekommen habe. Bei mir laufen alle Informationen der ganzen Welt zusammen.“

Nun musste Aleksandra laut auflachen. „Du bist mir ja eine. Wenn ich dich so reden höre, könnte man ja annehmen, dass nicht Genosse Schepilow, sondern du die Außenministerin bist. Eure Abteilung sammelt lediglich die Botschaftsberichte.“ „Na ja, das heißt doch, dass ich mehr Informationen erhalte als Genosse Schepilow, zu dem nur kommt, was wir für wichtig genug erachten. Aber genug davon. Hat Igor schon angerufen? Und Wladi? Wo steckt der eigentlich gerade wieder einmal?“ „Er ist mit einem Auftrag unterwegs. Ich erwarte nicht, dass er mich heute anruft. Vielleicht erhalte ich einen Brief von ihm.“, antwortete Aleksandra mit einem Anflug von Wehmut.

„Es ist schon schwierig, einen Bruder bei der Marine zu haben.“, versuchte Olga zu trösten, doch Aleksandra vertrieb den Ausdruck von Wehmut gleich wieder aus ihrem Gesicht: „Sag, wie geht es Ilja?“ Olga nickte verständnisvoll: „Du bist so leicht zu durchschauen, Aleksandra. Immer wenn du dich in die Enge getrieben fühlst, fragst du mich über meinen Verlobten. Nun ja, ich will aus Mitleid mitspielen: Ilja geht es sehr gut. Möglicherweise wird er bald einmal befördert und dann könnte es mit der Hochzeit doch heuer noch etwas werden. Du solltest unbedingt einmal wieder mit uns beiden ausgehen. Ich werde ihn bitten, einen seiner Freunde mitzubringen. In der Abteilung für internationale Beziehungen gibt es einige sehr attraktive Männer…ähm…Genossen, denn dir ist ja die politische Ausrichtung sicher wichtiger als ihr Aussehen.“

Aleksandra lächelte, als plötzlich das Telephon läutete. Sie runzelte leicht die Stirn und ging zum Schreibtisch. Nachdem sie den Hörer abgenommen hatte, meldete sie sich förmlich: „Genossin Piatnitzkaja.“ Die Stimme am anderen Ende war nicht zu hören, aber die gespannte Körperhaltung zeigt Olga, dass es sich nicht um einen Geburtstagsanruf von einem von Aleksandras Brüdern handelte. Die abschließenden Worte „Natürlich, Genosse!“ beendeten das kurze Telephonat abrupt. Aleksandra wandte sich zu Olga um und blickte zuerst fragend, dann entschlossen: „Es tut mir leid, ich muss heute Abend leider arbeiten. Soeben hat mich Genosse Illatschin angerufen, der bis morgen früh eine Plankorrektur von mir vorgelegt bekommen möchte. Liebe Olga, ich werde dich am Freitag anrufen. Dann vereinbaren wir einen Termin, um einen Film anzuschauen und dann gehen wir zu Grigori essen. Aber jetzt muss ich dich bitten, mich arbeiten zu lassen.“ Olga nickte verständnisvoll, nicht ohne zuvor noch den Sekt aus ihrem Glas ausgetrunken zu haben. „Der Rest bleibt dir, vielleicht entwirfst du dann ja einmal einen Vergnügungspark oder eine witzige Skulptur und nicht immer nur Brücken oder Kraftwerke. Und vergiss nicht“, fügte sie hinzu, während sie schon ihren Mantel anzog, „dass auch du irgendwann einmal ein bisschen Zeit für dich selbst brauchst. Ich werde dich am Donnerstag anrufen, dann können wir schon am Freitagabend etwas anstellen! Und viel Spaß mit dem Buch!“ Nach einer Umarmung verließ Olga mit einem verschmitzten Lächeln die Wohnung. Aleksandra schloss die Türe ab und ließ die Jalousien der Fenster herunter. War zuvor aufgrund des Regens schon wenig Licht in den Raum gekommen, so war es jetzt noch düsterer. Aleksandra schaltete die Deckenlampe ein, deren rot gemusterter Lampenschirm ein Schattenspiel an die Decke warf.

 

Nachdem Aleksandra die beiden Gläser in das Waschbecken gestellt hatte, nicht ohne zuvor den restlichen Sekt in ihrem Glas wegzuschütten, stellte sie die angebrochene Sektflasche in den kleinen Kühlschrank. Sie strich ihren grauen Rock glatt, ging in das Schlafzimmer und betätigte einen Lichtschalter neben dem Schrank. Doch statt des Leuchtens der schmalen Lampe über dem Bett hörte man ein leichtes Knarren, das anscheinend aus dem Schrank drang. Im nächsten Augenblick traten zwei Männer in einfachen Anzügen aus dem Schrank und verneigten sich leicht vor Aleksandra. Diese erwiderte mit einem Kopfnicken und fragte dann freundlich, aber bestimmt: „Was hat dieser unangekündigte Besuch hier zu bedeuten?“

Während der erste Mann sich anschickte, zu antworten, drehte der zweite das auf dem Schreibtisch stehende Radio auf. Zuletzt verließ er das Zimmer durch die Eingangstür. „Genossin Major, ein Auftrag von besonderer Wichtigkeit führt uns hierher. Wir sollen die Wohnung für ein Treffen vorbereiten.“ Aleksandra wirkte etwas verwirrt. Den Augenblick des verlegenen Schweigens nützte der Mann im Anzug, um seinen Blick über den Schreibtisch schweifen zu lassen, wo das rot gebundene Büchlein lag. „Das“, meinte Aleksandra, nun mit mehr Strenge in der Stimme, als sie eigentlich wollte, „Genosse, dient mir, mich darüber auf dem Laufenden zu halten, was unserer Jugend so beigebracht wird. Doch zu ihrem Besuch: In dieser Wohnung finden nie Treffen statt.“

Als hätte er auf dieses Stichwort gewartet, trat ein älterer Herr in dunklem Anzug aus dem Schrank. Der andere Mann im Anzug trat zurück und verließ auf ein Nicken des neu Hinzugekommenen durch den Schrank den Raum. Aleksandra wirkte leicht verunsichert, straffte dann aber ihren Körper und salutierte.

In dieser Haltung verharrt sie, bis der ältere Mann ihr die Hand entgegenstreckte, die sie zögerlich ergriff: „Aleksandra, alles Gute zu deinem Geburtstag!“ Nachdem er ihre Hand losgelassen hatte, setzte sich der ältere Herr an den Tisch im zweiten Zimmer und nahm unaufgefordert einen Keks. Aleksandra drehte sich zu ihm um und blickte ihn verwirrt an: „Danke, Genosse General. Wie habe ich die hohe Ehre eines Besuches verdient?“ Der Mann deutete auf den gegenüberliegenden Sessel, auf dem Aleksandra Platz nahm, sorgfältig darauf achtend, nur an der Kante sitzen zu bleiben und die Falten ihres Rockes über den Knien erneut glatt zu streifen.

„Es ist wohl zu wenig, wenn ich dich zum Geburtstag besuche? Wie geht es dir in der Abteilung für wissenschaftliche Zusammenarbeit?“ fragte er nun, zugleich um sich blickend, „Und hast du etwas zu trinken hier?“ Auf dieses Stichwort sprang Aleksandra geradezu auf, holte aus einem Fach des Schreibtischs eine Flasche Wodka, aus einem Schrank der Einbauküche ein Glas und goss großzügig ein. Der ältere Mann nickte freundlich. Aleksandra nahm erneut Platz und begann zu sprechen: „Unter den Genossen herrscht sehr harmonisches Klima, ich kann in der Abteilung meine erlernten Fähigkeiten zum Wohl des Volkes einsetzen. Unser Büro arbeitet zurzeit an einer Verbesserung der Energieinfrastruktur durch höhere Effizienz bei der Energieerzeugung.“ Der alte Mann nickte und trank einen großen Schluck, „Vorzügliche Wahl, meine Liebe. Doch zurück zu deiner Arbeit. Noch mehr Atomkraftwerke, wie ich höre. Naja, damit kenne ich mich nicht so aus. Ich hatte eigentlich das Umfeld gemeint. Fühlst Du Dich dort wohl?“ Aleksandra wirkte etwas verlegen: „Ich bin für diese Aufgabe sehr dankbar. Und ich denke, meine Arbeit ist sinnvoll und konstruktiv. Der Umgang mit den Genossen ist professionell.“

Die folgende Stille wurde nur durch das Geräusch des Kauens unterbrochen, das der General mit dem Verzehr des nächsten Kekses erzeugte. Schließlich hob er an, wobei Aleksandra schon vor dem ersten Wort wusste, dass es sich um eine bedeutsame Sache handelte. Denn immer, bevor General Schelepin etwas Bedeutendes sagte, griff er nach seiner Armbanduhr und rückte sie zurecht: „Aleksandra, du bist nicht nur eine unserer besten Mitarbeiterinnen, sondern für den nächsten Auftrag wohl die einzige, auf die ich voll vertrauen kann. Du weißt, dass es im Politbüro und im Zentralsekretariat der Partei über die Zukunft unserer Außenpolitik sehr verschiedene Auffassungen gibt.“

Aleksandra runzelte kurz die Stirn und erwiderte dann nüchtern: „Genosse General, ich bin mit den Vorgängen in diesen Gremien nicht vertraut und bitte auch darum, nicht in politische Dinge eingeweiht zu werden. Meine Loyalität gilt dem Sozialismus und als seinem Instrument der Sowjetunion. Ich werde daher jeden Auftrag ausführen, der dem Ziel des Sieges des Sozialismus dient. Ich bin Architektin und darüber hinaus zu jeder Zeit darum bemüht gewesen, bei unseren derzeitigen und zukünftigen Verbündeten das Vertrauen in die schützende Macht der Sowjetunion zu stärken. Aber ich war und bin nicht für politische Intrigen geeignet.“

Schelepin zuckte etwas zusammen und Aleksandra bereute die Worte, die sie gerade ausgesprochen hatte: „Nicht, Genosse General, dass ich damit sagen wollte, dass Sie in eine Intrige verwickelt wären.“ Der Mann winkte ab: „Aleksandra, du bist herzerfrischend. Vielleicht sollten wir doch eine Frau wie dich ins Politbüro aufnehmen, damit endlich diese langweiligen alten Männer aufgerüttelt würden. Doch zurück zur Sache: Es geht keineswegs um eine politische Intrige. Vielmehr hat unser Genosse Außenminister einen gewagten Vorschlag an mich herangetragen, mit der ausdrücklichen Bitte, nur eine äußerst vertrauenswürdige Person mit der Durchführung zu beauftragen und zugleich darauf zu achten, dass weder sein, noch mein offizieller Apparat etwas davon mitbekommen. Dein Rang, den du dir in den erfolgreichen Aktionen der letzten Jahre redlich erarbeitet hast, und deine persönliche Loyalität zu mir machen dich zur einzigen möglichen Person. Ich weiß, dass ich dir ganz vertrauen kann. Mein Schutz war es, der dich vor der persönlichen Vendetta mancher Genossen gegen deine Familie bewahrte, meine Unterstützung ermöglichte dir Studium und deine Tätigkeit für das 2. Hauptbüro des KGB.“

Aleksandra bestätigte die Aufzählung durch ein Nicken und wollte etwas sagen, doch der General sprach unbeirrt weiter: „Du wirst einen Gast willkommen heißen und dich sorgfältig um ihn kümmern. Es wird eine Art Freundschaftsbesuch sein, und er soll alle Informationen erhalten, die du für nötig hältst, um sein Vertrauen zu gewinnen. Gleichzeitig wirst du ihn auf seine Zuverlässigkeit überprüfen. Möglicherweise wird er eine wichtige Rolle spielen, möglicherweise ist er ein Spion des Westens oder auch nur eine Lachnummer. Die Begegnung findet deshalb zwischen dir und dem Gast statt, weil unsere Regierung mit der Organisation, die von ihm vertreten wird, keinen direkten Kontakt aufnehmen kann. Möglicherweise ergibt sich aber eine Konstellation, die dem Sozialismus nicht nur in Europa einen großen Schritt vorwärtsbringen könnte.“

„Ich habe schon oft Besucher betreut, die sich hier über Aufbau und Fortschritt informieren wollten. Darunter waren auch immer wieder Kommunisten aus westlichen Ländern. Doch jeder dieser Besuche wurde mir über meinen direkten Vorgesetzten in der Abteilung für wissenschaftliche Zusammenarbeit angekündigt. Ich erhielt nur gegebenenfalls zusätzliche Informationen aus ihrem Büro. Bei dieser umständlichen Einführung, mit Verlaub“, erwiderte Aleksandra, „handelt es sich doch entweder um einen Faschisten oder um einen Japaner. Und mit keiner dieser beiden Seiten wird man wohl in Verhandlungen eintreten können, ohne mehr Kompromisse einzugehen als guten Gewissens möglich sind, oder?“ Schelepin lachte hell auf: „Du bist nahe dran, es handelt sich um einen katholischen Priester.“

Als Johann abends erschöpft aus der Bibliothek in das Kolleg zurückkehrte, wurde er schon am Eingang von einem Mitstudenten erwartet. Johann dachte kurz nach, es war Gerhard, der dieses Semester begonnen hatte. Er stammte aus Konradsheim im Mostviertel, nicht allzuweit von Johanns Heimat Bischofstetten entfernt. Doch bevor er darüber noch weiter nachdenken konnte, sprudelte Gerhard los: „Wo warst du denn so lange? Der Rektor erwartet dich unverzüglich in seinen Räumen. Zwei Gäste sind bei ihm, aber die kenne ich nicht. Auf jeden Fall solltest du gleich hinaufgehen.“

Meist war es kein gutes Zeichen, wenn einer der Studenten zum Rektor gerufen wurde. Johann war das bisher noch nie passiert; und mit einem gewissen Stolz hatte er sonst beobachtet, wenn der eine oder andere mit hängendem Kopf nach einer solchen Belehrung aus dem Rektorat zurückkam. Zumeist waren es disziplinäre Verfehlungen, die mit einer solchen Vorladung geahndet wurden.

Da er nicht noch mehr Zeit verlieren wollte, ging Johann ohne Umweg über sein Zimmer, seine schwarze Tasche noch bei sich tragend, zum Rektorat und klopfte. Ein neutrales „Herein“ befahl das Eintreten mehr, als das es zum Öffnen der Tür einlud. Das Zimmer des Sekretariates war verwaist und dunkel, doch aus dem Büro des Rektors strahlte Licht in das kleine Zimmer. „Wir sind hier! Kommen sie herein!“

Die Konstellation im Raum war für Johann mehr als seltsam. Auf dem Sitz hinter dem Schreibtisch saß nicht der Rektor, sondern ein ihm unbekannter Prälat. In einer der etwas dunkleren Ecken stand jemand, der aussah, als trüge er eine österreichische Armeeuniform. Schließlich stand der Rektor fast wie ein Schuljunge vor dem Schreibtisch. „Meine Herren“, begann der Rektor, ohne einen Gruß Johanns abzuwarten, „Ich stelle ihnen Doktor Johann Erath vor, Diözese St. Pölten, Student am Päpstlichen Institut für historischen Wissenschaften. Er hat sich in den letzten drei Jahren nichts zuschulden kommen lassen, wird in zwei Wochen seine Schlussprüfung ablegen und dann nach Österreich zurückkehren.“

Der etwa 50-jährige Prälat machte eine dankende Kopfverneigung und begann zu sprechen: „Danke, Herr Rektor, wir benötigen ihre Anwesenheit hier nicht länger.“ „Ich muss protestieren“, hob dieser an, „wenn es sich um die mir anvertrauten Studenten handelt, habe ich das Recht und die Pflicht, allen Gesprächen beizuwohnen.“

Der Prälat lächelte milde: „Ihr Pflichtbewusstsein ist sehr lobenswert, Hochwürden, aber von Ihrer Aufsichtspflicht entbinde ich sie gerne im Auftrag des Staatssekretariates. Sie dürfen jetzt gehen.“

Mit einem kaum merklichen Nicken gegenüber dem Prälaten und ohne den Uniformierten im Halbdunkel auch nur eines Blickes zu würdigen, verließ der Rektor schnaubend sein eigenes Büro, das ihm so dreist entzogen wurde und schloss geräuschvoller als nötig zuerst die Türe zum Vorraum und dann merklich hörbar die Türe zum Gang.

Johann stand nun, schweigend das Geschehen beobachtet habend, vor dem Schreibtisch. Er wartete, dass einer der beiden Herren ihn zum Sprechen aufforderte. Der Prälat blickte ihn musternd an, mit dem Blick eines Schneiders, der Stoff beurteilt, ob aus ihm etwas Passendes zu schneidern wäre. Dann fing er langsam an: „Ihre Zeugnisse sind makellos, ebenso das Urteil ihrer kirchlichen Vorgesetzten. Sie scheinen nicht nur ein treuer Diener der Kirche zu sein, sondern auch ein sehr aufgeweckter und intelligenter. Sie haben in Österreich ein historisches Studium abgeschlossen, sowie ein Theologisches, das sie jetzt in Rom vertieft haben. Und das in so jungen Jahren.“

Johann wusste nicht, was er auf dieses Lob antworten sollte. Die letzten drei Jahre in Rom hatten ihn gelehrt, nie zu schnell auf die Freundlichkeit eines Kurialen zu antworten oder ihm gar offen zu sagen, was man dachte. Zu viele Fallschnüre waren gespannt, eine unbedachte Äußerung konnte unmittelbare und verheerende Folgen haben. Also nickte Johann nur. „Das hier“, sagte der Prälat mit einer hinweisenden Handbewegung auf den Uniformierten, „ist Oberstleutnant Alexander Bruscheck. Ich bin Angelo dell’Acqua, Offizial im Staatsekretariat.“

Johann verneigte sich leicht und erwiderte: „Ich danke für die Ehre, Ihnen vorgestellt worden zu sein.“ Er verbiss sich zugleich die Frage, weshalb er hierher bestellt wurde. Mit dem Staatssekretariat hatte er noch nie zu tun gehabt, noch weniger mit dem Österreichischen Bundesheer. Und was diese beiden Institutionen direkt miteinander zu tun hatten, war ihm auch nicht klar. Als könnte er seine Gedanken lesen, sprach dell’Acqua weiter: „Oberstleutnant Bruscheck ist mit einer wichtigen Mission ausgestattet. Er wird im nächsten Monat als österreichischer Verteidigungsattaché nach Moskau reisen – der erste seine Art. Er hat einige Informationen für sie.“

Auf das Stichwort des Prälaten trat der Uniformierte etwas ins Licht. Er wirkte förmlich, aber nicht abweisend, doch sein Blick schien Johann zu durchleuchten: „Sie sind 1934 in Niederösterreich geboren worden, haben in Melk maturiert und mit unglaublicher Geschwindigkeit studiert, was durch die Wirren des Krieges zweifellos zugleich erschwert und überhaupt erst ermöglicht wurde. Als ihre Ausbildung in Melk begann, war diese Schule noch eine Napola, als sie maturierten, waren die Benediktiner zurück.“ Johann zuckte kurz zusammen. Beides traf zu, aber im Schuljahr 1944/45 war von der ehemaligen Napola kaum mehr etwas übrig. Manche Professoren waren geflohen, andere bemühten sich, als fromme Widerstandskämpfer eine neue Identität aufzubauen. Und wenngleich die markigen Ansprachen des Direktors jeden Montag und Freitag bis April 1945 vom Endsieg erzählten, so konnte doch Johann auch den Anblick nicht vergessen, als am Tag von Hitlers Selbstmord auch der Direktor diesen Weg wählte und sich während der ersten Stunde am Brunnen im großen Hof erschoss. Das blutrot gefärbte Wasser plätscherte auch dann noch weiter, als unter dem staunenden den Entsetzen der Schüler Schulwart und Gärtner die Leiche aus dem Bassin fischten und mit einer Scheibtruhe abtransportierten. Johann erinnerte sich auch, wie im Mai 1945 die als Lager genutzte Stiftskirche wieder geräumt und seit sieben Jahren der erste Gottesdienst dort gefeiert wurde. Könnte seine Schulzeit so hohe Wellen geschlagen haben, dass nun sogar das Staatssekretariat eingeschaltet wurde? Er kannte sich zu wenig in den diplomatischen Gepflogenheiten aus, nein, er kannte sich darin überhaupt nicht aus, um auch nur irgendeine klare Schlussfolgerung zu ziehen.

Sein Gehirn arbeitete auf höchster Leistung, und er merkte, wie er leicht zu schwitzen begann. Unbeirrt redete der Oberstleutnant weiter: „Außerdem ist uns aufgefallen, dass sie regelmäßig Kontakt zu einem russischen Studenten haben.“ Wie aus der Pistole geschossen antwortete Johann nun ungefragt: „Grigori Wassilewitsch Homik ist Ukrainer. Er studiert ebenfalls Kirchengeschichte und lebt im Collegium Russicum. Er ist griechisch-katholisch, also nach keiner Definition, weder kirchlich noch national ein Russe.“

Seine schnelle, vielleicht allzu schnelle Antwort ließ die beiden Herren gegenüber kurz aufschrecken. Hatte er sich durch diese Verteidigung etwa verdächtig gemacht? Hatte der Prälat vorhin darauf hingewiesen, dass der Offizier sich mit Russland auskannte? Warf man ihm hier etwa vor, ein Spion zu sein. So etwas Lächerliches! Trotzdem merkte er, dass sein Stand etwas zittriger wurde. Er schloss seine Hände hinter seinem Rücken und versuchte, nicht nervös zu wirken.

Der Prälat lächelte: „Ich sagte ihnen doch, Herr Oberstleutnant, dass dieser eifrige Student hier wohl kaum geeignet für unseren Plan ist. Er ist dermaßen ehrlich und korrekt, dass er mit einer verdeckten Aktion sicher überfordert ist.“ Der Uniformierte schüttelte lächelnd den Kopf: „Gerade deshalb ist er perfekt: Er ist intelligent und loyal, zugleich aber offen lesbar wie ein Buch. Er hat eine hohe Merkfähigkeit und ist ehrgeizig, gleichzeitig vielseitig interessiert und nicht scheu im Knüpfen von Kontakten. Er ist gut ausgebildet und zugleich in ihrer Hierarchie und in Österreich so unbekannt und unbedeutend, wie jemand für diesen Auftrag sein muss.“

Johann verlor nun vollends den Zusammenhang und der letzte Satz kränkte seinen nicht unbeträchtlichen Stolz: „Unbekannt und unbedeutend“, ja, das stimmte einerseits, andererseits fühlte er sich doch wichtig und dazu berufen, Großes hervorzubringen: Ein Buch, ein Lexikon, vielleicht einmal die Stelle eines Universitätsassistenten.

Die Worte dell’Acquas holten ihn aus seinem Schmollen zurück: „Mein lieber Bruder, wir werden Sie wie ein Schaf mitten unter die Wölfe schicken. Sie werden Ihre Schlussprüfungen vorverlegen, Ihre Professoren sind bereits informiert und es besteht kein Grund, darüber besorgt zu sein. Alle haben bestätigt, dass Sie jederzeit den Abschluss erlangen könnten. Die Prüfung ist für morgen acht Uhr angesetzt, und zwar hier. Ich werde daran ebenso teilnehmen wie der Herr Oberstleutnant, aber unser Urteil über Sie steht schon fest. Das heutige Gespräch war die Bestätigung unserer Wahl.“

Die Worte des Prälaten zogen wie ein Schnellzug an ihm vorbei und er wusste nicht, ob er widersprechen oder überhaupt etwas sagen sollte. Doch da sprach der Prälat schon weiter: „Die Sowjetunion ist ein wichtiger Faktor in der zukünftigen Entwicklung der Welt, worauf auch Seine Heiligkeit aus eigener Erfahrung öfter schon hingewiesen hat.“

Ja, dachte Johann, Papst Gregor ist ja Armenier und muss damit leben, dass seine Heimat Teil des Sowjetimperiums ist. „Es gibt natürlich oft dargelegte und nicht zu verleugnende massive Auffassungsunterschiede über Gott und Welt im kommunistischen und im katholischen Weltbild, wenngleich es in den praktischen Folgerungen gewisse“ der Prälat zögerte auf der Suche nach dem richtigen Wort, „Konvergenzen gibt, was natürlich niemals offiziell gesagt werden kann. Der Vatikan kann mit der UdSSR nicht in offiziellen Kontakt treten, Österreich schon. Schließlich hat ihr Land einen Staatsvertrag mit der Sowjetunion und nicht zuletzt durch diesen seine Unabhängigkeit und eine beträchtliche Gebietserweiterung erfahren.“

Der Oberstleutnant räuspert sich und fiel dem Prälaten ins Wort: „Die Aufnahme der neuen Bundesländer in den Bundesstaat Österreich erfolgte aufgrund beiderseitiger, freiwilliger Entscheidung. Ich bitte daher nicht von Gebietserweiterung zu sprechen, was zu sehr nach Eroberung klingt.“

Der Prälat wischte den Einwand mit einer beiläufigen Handbewegung symbolisch vom Tisch und setzte fort: „Sie werden den Herrn Oberstleutnant nach Moskau begleiten. Dort werden Sie eine Kontaktperson aus dem Außenministerium kennenlernen. Offiziell sind Sie im Auftrag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mit einem Forschungsprojekt über historische Bauwerke unterwegs, deren Originalpläne in Archiven in Moskau zu finden sein sollen. Ihre Kontaktperson von der Abteilung für wissenschaftliche Zusammenarbeit wird Sie mit architektonischen Informationen ausstatten.“ Mit einer gewissen Begeisterung übernahm nun der Offizier das Wort: „Diese Person arbeitet natürlich für den KGB, den sowjetischen Geheimdienst; unseres Wissens in untergeordneter Position, aber doch im Rang eines Majors.“

Johann surrte der Kopf. Das war doch sicherlich ein Scherz. Weder konnte er morgen zu einer Prüfung antreten noch einfach so nach Moskau fahren. Und dort sollte er mit einem spionierenden Architekten zusammenarbeiten. Wozu?

„Wenn Sie sich fragen, wozu dieser Auftrag dienen soll“, setzte nun wieder der Prälat fort, „dann lassen Sie es mich einfach ausdrücken: Es gibt einige, die behaupten, in der Sowjetunion würden Kräfte an Unterstützung und Einfluss gewinnen, mit denen gewisse Kompromisse geschossen werden könnten. Eine dieser Personen ist der erste Parteisekretär Nikita Chrustschow, dem manche Analysten noch höhere Ämter für möglich halten. Hätten wir einen verlässlichen Kontakt zu diesen reformorientierten Kreisen, ohne sie zugleich mit uns in Verbindung zu bringen – was ihrem Aufstieg angesichts der Radikalatheisten sicher schaden würde – dann könnte die Kirche einen gewissen Einfluss auf eine zukünftige Religionspolitik der Sowjetunion und ihrer Tochterstaaten bekommen. Immer vorausgesetzt, dass all diese Kontakte informell bleiben und keine namhaften Personen daran beteiligt sind. Österreich hat angeboten, eine gewisse Unterstützung zu bieten, da die Kontakte sowohl nach Moskau als auch zum Vatikan gleichermaßen gut sind. Zugleich ist uns klar, dass dieser Auftrag völlig scheitern kann, ja, dass sie möglicherweise gefangengenommen oder sogar gefoltert und getötet werden können. Deshalb fiel die Wahl auf jemanden, der auch unter Folter keine Geheimnisse ausplaudern kann, wie es etwa ein katholischer österreichischer Soldat oder Diplomat tun würde.“

Der vorbeifahrende Schnellzug hatte mit dieser letzten Aussage noch einen Zahn zugelegt. Hatte man da dem biederen Kirchenhistoriker gerade durch die Blume gesagt, dass er möglicherweise schon in einem Monat in einem sowjetischen Folterkeller den Märtyrertod sterben würde? Oder halt, war das dann überhaupt ein Martyrium, wenn es mehr um kirchliche Diplomatie als um direktes Glaubenszeugnis ging? Oder würde man ihn öffentlich sowieso nur als Privatperson darstellen, die zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort war?

Die eingetretene Stille nutzte der Oberstleutnant: „Grundsätzlich müssen Sie sich keine Sorgen machen. Vielleicht ist es sogar von Vorteil, dass ihre ukrainische Großmutter starb, bevor Sie sie kennenlernen konnten.“ Das wussten sie also auch? Nun ja, Johann kannte nur Photographien seiner Großmutter, er verstand kein Wort Ukrainisch oder Russisch, und von den kyrillischen Zeichen konnte er gerade so viel lesen, als ihm vom griechischen Alphabet her geläufig war. Irgendwie war ihm alles zu schnell gegangen.

„Ich weiß, dass für Sie das alles überraschend kommt, und vieles für Sie noch ungereimt erscheint. Sie werden nach und nach so viel Information erhalten, wie nötig, aber auch nicht mehr. Das dient nicht zuletzt Ihrem eigenen Schutz. Möglicherweise können wir über Sie etwas anbahnen, was den Lauf der Geschichte ändern wird; möglicherweise ist es auch nur eine Sackgasse. Vertrauen Sie auf Gottes Unterstützung und vergessen Sie nicht, dass Sie der Kirche Gehorsam gelobt haben.“

Die Worte des Prälaten holten Johann zurück, er riss sich zusammen und gewann an Festigkeit: „Das habe ich nie vergessen, und das werde ich auch nicht. Ich vermute, dass mein Bischof darüber informiert wird, dass ich abwesend sein werde.“

Dell’Acqa nickte, und Oberstleutnant Bruscheck setzte ein: „Weder ihr Bischof noch ihre Familie werden davon erfahren, wohin Sie gehen. Sie werden brieflich die Information weitergeben, an einer Expedition zu den Wirkungsstätten des heiligen Augustinus teilnehmen zu dürfen, über die Sie allerdings aufgrund der herrschenden politischen Unruhen im Land erst nachträglich näher berichten werden. Wir fahren morgen mit dem Nachtzug um zwanzig Uhr dreißig nach Wien zurück. Selbstverständlich werden Sie über dieses Gespräch niemanden informieren und sich auch von niemandem verabschieden. Der Rektor wird Ihren Kommilitonen mitteilen, dass Sie aus familiären Gründen dringend nachhause mussten. Ich hoffe, sie sind sich der Ehre bewusst, die Ihnen durch diesen Auftrag zuteilwird; und der Verantwortung.“

Johann nickte schweigend.

Prälat dell’Acqua stand nun auf und trat zu ihm heran. Johann war zuerst unsicher, wie er reagieren sollte: „Mein Bruder, als ich damals nach Istanbul geschickt wurde, ging es mir nicht viel anders. Ich sehe Großes in Ihrer und unserer Zukunft. Der Segen Gottes begleite sie!“ Wie ferngesteuert ging Johann in die Knie, um mit Handauflegung und Kreuzzeichen gesegnet zu werden. Aus dem Augenwinkel sah er, dass auch der Uniformierte sich bekreuzigte. Wenigstens, dachte er, ist nicht nur Gott auf meiner, sondern auch mein Begleiter auf Gottes Seite.

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