6. Mai 1957

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Olga konnte mit dem Fragen nicht warten, bis sie sich an den Tisch in Aleksandras Wohnung gesetzt hatte: „Bist du verschollen? Seit Tagen versuche ich, dich anzurufen. Dein Gast muss dich ja ganz schön in Anspruch nehmen. Erzähl mir von ihm!“

Aleksandra schenkte Olga und sich selbst eine Tasse Tee ein und setzte sich ebenfalls: „Er ist ein sehr fleißiger Wissenschaftler. Er recherchiert mit Hilfe unseres Dolmetschers in alten Stadtplänen und Urkunden.“

Olga trank einen Schluck von dem Tee und tat dann zwei Löffel Zucker hinein: „Im Büro laufen übrigens schon Wetten darüber, wann es zwischen euch funken wird.“

Aleksandra lachte kurz auf: „Was ich dir jetzt sage, darf diese Wände unter keinen Umständen verlassen. Auf gar keinen Fall darfst du mit den Genossinnen in der Abteilung darüber sprechen.“ Olgas Augen verengten sich, und ihre vor Neugierde angespannte Miene zeigte die Lust auf pikante Details: „Wie war er?“

Aleksandra antwortete nun mit einem herzhaften Lachen: „Unser Gast, der Forscher, ist in seinem Nebenberuf ein katholischer Priester aus Österreich. Und wenn ich mir auch über vieles von seinen Gedanken nicht klar werde, eines ist völlig sicher: Er hat nicht das geringste Interesse an mir als Frau. Ob das daran liegt, dass er – wie man immer wieder über diese katholischen Priester hört – grundsätzlich mehr an Männern in langen schwarzen Kleidern interessiert ist oder ob er wirklich so mit seinem Beruf verbunden ist, wie es scheint, sei dahingestellt. Jedenfalls verliert jede Genossin eine Wette, die erwartet, dass sich mit ihm etwas ergibt.“

Olga blieb die Sprache weg. Aleksandra lächelte triumphierend: „So, endlich habe ich es einmal geschafft, dich zu überraschen!“

Schon dieser Satz hatte Olga genug Zeit gegeben, sich von der ersten Überraschung zu erholen. Ohne Atem zu holen, setzte sie an: „Erstens haben die Wetten überhaupt nichts mit deinem Gast zu tun gehabt; die Frage war, wie weit es mit dir und Genossen Schachlikow schon gekommen ist. Zweitens kann dir dieser Gast nicht so unwichtig sein, wenn dein erster Verdacht darauf geht, dass er als dein potenzieller Liebhaber gehandelt wird. Und schließlich bist du die letzte, die etwas über Menschen sagen sollte, die aufgrund der Hingabe an ihren Beruf nicht verheiratet sind oder auch nur eine Beziehung haben! Schachmatt!“

Aleksandra schwieg betroffen. Sie hatte sich hinreißen lassen, ein Staatsgeheimnis auszuplaudern, um vor ihrer Freundin ihren makellosen Ruf zu wahren, und hatte sich dabei in mehr Verwirrung verwickelt, als ihr lieb war.

„Aber zurück zu dem Priester: Wie konnte der denn in die Sowjetunion einreisen? Und woran forscht er wirklich unter deiner Aufsicht? Du wirst doch nicht tatsächlich endlich einmal etwas Aufregendes erleben?“

Aleksandra fand ihre Fassung wieder: „Olga, du weißt, dass ich darüber keine nähere Auskunft erteilen darf.“

Olga neigte den Kopf nach links und lächelte spitzbübisch: „Wenn du es mir nicht sagst, dann muss ich wohl in unserer Botschaft in Wien nachfragen. Und das könnte mehr Staub aufwirbeln.“

„Olga, du bist unmöglich! Doktor Erath, so sein Name, ist im Auftrag der österreichischen Akademie der Wissenschaften hier. Er beschäftigt sich mit Stadtarchitektur; und deshalb war es nur logisch, ihn mir zuzuteilen. Ich bringe ihm die gewünschten Dokumente und beantworte seine Fragen, Genosse Schachlikow übersetzt.“

Nach einem weiteren Schluck Tee fragte Olga gespielt naiv: „Du verbringst also deine Tage mit zwei Männern: Einem geheimnisvollen und uneinnehmbar wirkenden österreichischen Priester und dem Schwarm der Dolmetscherabteilung. Wenn das nicht eine spannende Dreiecksgeschichte ist. Schade, aber zu deiner Beruhigung, ich werde natürlich in der Abteilung nichts sagen. Auch wenn ich dadurch leider nicht verhindern kann, dass die Gerüchte über dich und Leonid natürlich weiter angeheizt werden: Denn wer schweigt, macht neugierig.“

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