27. April 1957

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Aleksandra war heute besser auf den Besuch des stellvertretenden KGB-Chefs vorbereitet als 4 Tage zuvor: Auf dem Esstisch war ein Teller mit belegten Broten und eine Flasche Wodka vorbereitet, daneben noch Wasser und sogar eine kleine Packung mit sieben Pralinen.

Nach dem üblich Ablauf – dem Telefonanruf, der Öffnung des Schranks und der Sicherung ihrer Eingangstür durch einen ihr nicht bekannten Mitarbeiter Schelepins – trat ihr Mentor durch den Kleiderschrank in die Wohnung. Aleksandra salutierte und begleitete Schelepin vom Schlafzimmer in das Wohnzimmer zum gedeckten Tisch.

„Du setzt dein Wissen über mich klug ein, Aleksandra. Seit den Tagen des Krieges ist der Duft von Leberaufstrich für mich unwiderstehlich. Nach Tagen des Hungers endlich irgendwo eine Dose dieser Köstlichkeit zu finden, hat mich für immer mit diesem Geruch und Geschmack verbunden.“, sagte Schelepin, bevor er von einem der Brote abbiss. Aleksandra nützte die Gelegenheit, ihm Wasser und Wodka einzuschenken, sich selbst aber nur Wasser.

„Inzwischen habe ich den mir zugewiesenen Dolmetscher in den Auftrag so weit eingewiesen, wie ich ihn kenne. Er ist gemäß Ihrer Vorgabe mit Doktor Bodin nach Lemberg gefahren und wird die österreichische Gruppe begleiten. Obwohl er sehr jung ist, scheint er gut geeignet zu sein. Trotzdem wäre mir lieber, wenn ich selbst schon nähere Informationen über die zu erwartenden Gäste und den Inhalt meines Auftrages hätte.“

Schelepin nickte auf Aleksandras Frage und holte aus seiner Jackentasche ein gefaltetes Papier, das er ihr über den Tisch reichte. Während er weiter aß, überflog sie das entfaltete Dokument und strich dann ihren Rock glatt, wie sie es immer zu tun pflegte, wenn sie noch etwas Zeit zum Überlegen brauchte. Schelepin wartete, bevor sie zu Ende gelesen hatte, und sagte: „Ich bin mir sicher, dass Genosse Schachlikow in vielerlei Hinsicht nützlich für diesen Auftrag ist. Wir haben ihn mehrfach überprüft. Er ist auch in gewisser Hinsicht ein Mitarbeiter von uns, der allerdings nichts von deiner Position weiß. Es wird für dich auf jeden Fall aufschlussreich sein, mit ihm zusammenzuarbeiten. Wir werden nach dem Ende des Besuches darüber noch ausführlicher sprechen. Doch nun zu den weiteren Aufträgen. Wie du gelesen hast, verliefen die Untersuchung durch Doktor Bodin und die Befragungen in Lemberg genau so, wie wir es erwartet hatten.“

Aleksandra fasste das Gelesene zusammen: „Der österreichische Offizier und sein Adjutant sind unbedenklich. Ihr Aufenthalt im Gelände der österreichischen Botschaft sorgt für genügend Überwachung ihrer Aktivitäten. Oberstleutnant Bruscheck hat nicht nur im Krieg verlässlich mit unseren Leuten zusammengearbeitet, sondern sich auch nach der Unabhängigkeit Österreichs immer für eine gleichberechtigte Diplomatie nach Osten wie nach Westen eingesetzt. Er ist zwar kein Sozialist, aber realistisch genug, um die Bedeutung der Sowjetunion für Österreich richtig einzuschätzen.“

Schelepin nahm einen Schluck Wasser, bevor er das Wort ergriff: „Ein anderer Offizier wäre für uns auch kaum in Frage gekommen. Die Ergebnisse aus Lemberg und die Beobachtungen der Reise haben nur unsere früheren Erkenntnisse bestätigt. Was sagst du zu den Informationen über den Priester?“

Aleksandra überlegte kurz, bevor sie antwortete: „Der Bericht ist auch in diesem Fall eindeutig: Er konnte fehlerfrei Auskunft über seinen Forschungsauftrag erteilen. Bei einem Mann seiner Bildung scheint es mir nicht verwunderlich, dass er sich in die Materie eingearbeitet hat. Ich vermute aber, dass ich ihn sehr schnell überführen könnte, wenn ich ihn über architektonisches Wissen befragte.“

Schelepin schüttelte den Kopf: „Sein Alibi muss vor den wachsamen Augen derer, die auch dich während seines Aufenthalts beobachten werden, auf jeden Fall standhalten. Es gibt genügend Kräfte in unseren Reihen, die eine solche Kontaktaufnahme schroff ablehnen würden. Nicht nur der Priester, sondern auch alle anderen Beteiligten wären nicht mehr sicher, wenn diese Leute auch nur den leisesten Anlass fänden, hinter dem Besuch mehr als historische Forschung zu vermuten.“

Aleksandra griff zuerst nach ihrem Wasserglas, stellte es dann aber wieder hin und fragte direkt: „Genosse General, ich verstehe immer noch nicht, wieso wir mit einem Vertreter dieser Ideologie überhaupt Kontakt aufnehmen sollen.“

Schelepin schob ihr das Wasserglas zu, aus dem sie nun einen großen Schluck nahm: „Aleksandra, wir haben in vielen Bereichen großartige Erfolge gefeiert und werden in dieser neuen Zeit auch keineswegs nachlassen, allen Völkern zu Freiheit und Fortschritt zu verhelfen. Es ist aber auch nötig, dass wir die Methoden der Unterstützung unserer Genossen im Westen den modernen Gegebenheiten anpassen. Und die Kirche ist eine Institution, die in vielen Ländern, die großes Interesse an unserem Modell des Sozialismus haben, indirekte politische Bedeutung hat: Lateinamerika ist dafür ein gutes Beispiel, die europäischen Kolonien in Afrika. Ja, selbst in Europa könnte uns eine indirekte Zusammenarbeit manche Türen öffnen. Dabei ist es keineswegs wichtig, dass wir inhaltlich Positionen dieser Institution übernehmen, etwa den Glauben an ein höheres Wesen oder die Verliebtheit in antike Rituale, die mehr der Vernebelung und emotionalen Befriedigung dienen als der Klarheit der Wissenschaften und dem Fortschritt. Aber es gibt gewisse Bereiche in Bezug auf die Verbesserung der Lage der Arbeiter, des Kampfes gegen Nationalismen und anderes, wo wir sehr wohl ein Arrangement der Zusammenarbeit treffen könnten. Dafür wird es aber nötig sein, einen vertrauenswürdigen informellen Kontakt zu haben. Und ihr beide, dieser Priester und du als meine beste Schülerin, ihr beide könnt dieser Kontakt werden.“

Schelepin zögerte etwas, bevor er fortsetzte: „Es kann aber auch einfach nur ein einmaliger Kontakt bleiben, wenn du der Meinung bist, dass er nicht geeignet ist. Was du aber nicht tun darfst und, wie ich dich kenne, tun wirst, ist das Gespräch von vornherein verunmöglichen. Ich habe dich nicht nur ausgewählt, weil ich deine Loyalität kenne, sondern auch, weil du eine Sprache finden kannst, die ihm eine Brücke baut, die nicht militärisch rau, nicht diplomatisch unverständlich ist, sondern wissenschaftlich klar und an Zielen orientiert. Auf dieser Ebene werdet ihr zueinander finden können.“

Aleksandra blickte erneut auf das Papier vor ihr: „Sein Gespräch mit dem Militärpfarrer von Lemberg war von äußerster Kürze, die Kontakte zu Oberstleutnant Bruscheck beschränkten sich auf die gemeinsamen Mittag- und Abendessen im Zug und ein längeres Gespräch auf der Strecke zwischen Venedig und Wien. Nach Meinung unserer Analysten hegt er eine gewisse Scheu vor dem Militärischen. Interessant ist aber, dass er häufigeren Kontakt mit dem beigeordneten Unteroffizier hatte, mehrere längere Gespräche und einen gemeinsamen Opernbesuch in Wien.“

Schelepin schmunzelte: „Auf dem Stehplatz! Das müsste dir ja gefallen, dass er sich mit dem Proletariat auf eine Stufe stellt.“

„Ich bezweifle, dass das österreichische Proletariat häufiger die Oper besucht als das sowjetische, aber ich habe die Beobachtung ebenfalls so interpretiert. Es wird auf jeden Fall spannend werden, diesem Menschen zu begegnen.“

Der Rest des Gespräches drehte sich nur noch um die Unterbringung des Gastes im Hotel Moskwa, die Arten der Beschattung und mögliche Freizeitaktivitäten, die Aleksandra für die Abende und Wochenenden vorbereiten sollte. Nachdem Schelepin noch eine der Pralinen genussvoll verzehrt hatte, stand er auf und verließ Aleksandras Wohnung durch den Kleiderschrank.

Zum Tisch zurückgekehrt, nahm nun auch sie eine Praline und ließ ihren Blick erneut über die Zusammenfassung der bisherigen Beobachtungen streifen. Sie hatte noch nie mit einem Priester gesprochen. Würde er versuchen, sie zu missionieren? Welche Argumente würde er zugunsten einer religiösen Lebensweise vorbringen? Und wenn er eher Historiker als Priester war, wie würde er die Geschichte interpretieren?

Aleksandra nahm Schelepins unberührtes Wodka-Glas und goss den Schnaps zurück in die Flasche. Sie machte sich nichts aus Alkohol und verstaute die Flasche wieder an ihrem Platz. Plötzlich hielt sie inne, ging zu dem auf dem Tisch liegenden Blatt Papier und überflog es erneut: Da, sie hatte sich nicht getäuscht: Sowohl der Kellner aus dem österreichischen Zug als auch die Ordonanz aus dem Offizierskasino in Lemberg hatten als Auffälligkeit des Priesters angegeben, dass er nur Wasser getrunken hätte.

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