Wasser

Grace wartete im Hangar darauf, dass sie und ihr selbst restaurierter Proton D-II aufgerufen wurden. Die Rennstrecke hatte mehrere Hangars, von denen sie einen für sich hatte. Hier war ihr eigenes Werkzeug untergebracht und Ersatzteile warteten darauf, zwischen den Rennen ausgetauscht zu werden. Im Zweifel musste es schnell gehen. Sie hatte kein Team wie die Profifahrer. Aber das hatte vermutlich keiner der Fahrer, die hier heute starteten.   Bald war sie an der Reihe, ihr erstes Rennen. Sie hatte sich für das vierteljährlich stattfindende Mortimers Cave Amateurs eingetragen oder wie die Lokalen sagten, das MCA. Wieder und wieder ging sie die Kontrollen durch. Es hatte sie fast 2 Jahre gekostet, den betagten Renn-Mek auf Vordermann zu bringen. So lange hatte sie sich darauf vorbereitet. Sie trommelte zum x-ten Mal mit den Fingern auf die Armatur und erschrak, als ihr D-II zurücktrommelte.   Natürlich war es nicht der Mek, der trommelte, sondern eine Hand, die in einem weißen und leicht verzierten Handschuh steckte und gegen die Scheibe des Cockpits klopfte. Ebenso wie die Hand war auch der dazugehörige Mann gut gekleidet. Das Gewand des Mannes sah so hochwertig aus, dass Grace den Besuch seltsam fand. Was wollte er von ihr? Sie war in der Rennszene absolut unbekannt. Und da sie in einer kleinen Arkologie angestellt und daher weder besonders reich noch einflussreich war, konnte sie sich nicht vorstellen, welches Interesse er an ihr haben könnte. Der Mann, der von außen anklopfte, hatte einen Blick wie ein Maska, der seine Beute aus dem Versteck heraus beobachtete und kurz davor war, zuzuschlagen. Sie betätigte den Knopf und die Verglasung des Cockpits schob sich auf.  
 
Sie schaute ihn fragend an, aber da er nur freundlich lächelte und auf ihre Reaktion zu warten schien, fragte sie: „Ja, bitte?“ Sie war so perplex, dass ihr schlichtweg nichts Besseres eingefallen war.   „Frau Hartwick, richtig? Mein Name ist Antonio Tunderi. Vielleicht kennen Sie mich und meine Gruppe.“   Grace schaute den Mann an, konnte aber den Namen nirgends einordnen. Auch das Gesicht sagte ihr nichts. „Ja, die bin ich. Was wollen Sie von mir? Ich bin gleich in der nächsten Runde dran.“   „Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie nervös sind. Das ist Ihr erstes Rennen, oder? Ich habe Ihren Namen noch nie auf einer Teilnehmerliste gesehen.“ Er strich mit der Hand über die Karosserie. „Sie haben einen schönen Renn-Mek. Ein altes Modell, aber wie ich sehe, haben sie ihn gut in Schuss gehalten.“   „Danke, ich gebe mir größte Mühe. Es ist auch nicht viel original.“   Wenn Grace über ihren modifizierten D-II redete, konnte sie alles um sich herum vergessen. Sie wollte weiterreden, Tunderi unterbrach sie aber freundlich und lächelte. „Frau Hartwick, Sie könnten mir einen Gefallen tun. Sie haben doch einen Minenwerfer an Bord, oder?“ Die Bordwaffen wurden bei der Registrierung angegeben und veröffentlicht. Es ging dabei weniger darum, dass die Waffen kontrolliert werden sollten. Vielmehr sollten die Zuschauer eine Übersicht bekommen, wer im Rennen mit was auf wen schoss. Wahrscheinlich hatte er ihre Bewaffnung der Teilnehmer entnommen.   Tunderi zeigte auf die Minenwerferöffnung am Heck des D-II, die Grace vom Cockpit aus nicht sehen konnte. Doch sie wusste natürlich, dass sie da war. Da er um den Renn-Mek herum ging und ihr irgendwie suspekt war, wollte sie ihn im Auge behalten. Sie lehnte sie sich aus dem Cockpit heraus und sah einen kleinen Wagen, den Antonio Tunderi dabeihatte. Darauf stand ein Tank, ähnlich den Wassertanks, die Grace von der Arbeit kannte. Sich schätzte, dass er in etwa 150 l fasste, nichts Besonderes. Grace‘ Blick verfing sich auf dem Tank, was dem Besucher nicht entging.  
  „Darüber wollte ich mit Ihnen reden.“ Er ging zum Tank, legte die Hand darauf und fuhr fort. „Würden Sie Ihre Minen vielleicht mit dem Tank abwerfen? Ich biete Ihnen 25.000 Credits, wenn sie ihn irgendwo in der Höhle abwerfen.“ Aus dem weiten Ärmel seines Gewands zog er einen kleinen Cred-Stick und hielt ihn Grace hin. Sie zögerte nicht lange, nahm den Stick und schaute ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue an.   „Einfach in der Höhle abwerfen? Mehr nicht? Warum?“   „Wissen Sie, wir arbeiten an einer neuen Legierung. Wir wollen wissen, ob der Tank den Aufprall übersteht, und haben ihn daher mit allerhand Sensorik ausgestattet.“ Er zeigte auf ein kleines Gerät, das an dem Tank angebracht war. „Wenn Sie ihn mit einer Mine zusammen abwerfen, können wir zwei Daten auf einmal erhalten: Erstens, übersteht der Tank den Aufprall bei hoher Geschwindigkeit? Und zweitens, hält er vielleicht sogar der Explosion einer Mine stand?“ Grace schaute ihn an und muss sehr verwirrt ausgesehen haben. „Ich möchte sie mit den technischen Details nicht langweilen. Also helfen Sie uns?“   Eine neue Legierung? Der Typ wusste anscheinend nicht, von was er redete. Der Tank bestand aus Kunststoff und nicht aus Metall. Aber 25.000 Credits, das war eine Menge Geld. Damit würde sie jedwede Reparatur ihres D-II vornehmen können, zumindest solange er im MCA nicht ganz zerstört wurde. Davon ging sie aber ohnehin nicht aus. Und vielleicht war es ja üblich, dass Renn-Piloten ab und an solche ‚Spezialmissionen‘ annahmen. Wie dem auch sei, sie willigte ein. Einen kurzen Moment später lud sie den Tank mit einem kleinen Kran in den Minenwerfer ihres D-II. Sie beeilte sich, da sie damit rechnete, dass ihr Rennen gleich beginnen würde. Die Eile war nicht vergebens. Gerade als sie fertig war und sich der Gast mit einem zufriedenen Lächeln verabschiedete, wurde Grace aufgerufen.  
  Sie fuhr den harmonisch summenden D-II aus dem Hangar auf die Rennstrecke. Links und rechts der Fahrbahn waren fünfstufige Tribünen aufgebaut, die voller Besucher waren. Mekton-Rennen gab es zwar überall im System, aber es gab wenige offizielle Dirty-League-Rennen. Das MCA war eines davon und lockte dementsprechend viele Touristen in die Region.   Es dauerte einen Moment, bis sich alle fünf Piloten ihres Pools auf ihre Start-Positionen begeben hatten. In dieser Zeit erzählte der Kommentator den Zuschauern des Rennens einige Trivia über die Rennstrecke. Grace kannte sie in- und auswendig. Sie war sie oft abgefahren, hatte sich ihre eigenen Bestzeiten notiert. Nun aber trat sie zum ersten Mal gegen echte Gegner an. Beim Zeitfahren war sie bisher keinem Beschuss ausgesetzt. Nicht zuletzt hatte sie selbst einige Minen und jetzt auch einen Wassertank an Bord.   Grace hörte dem Kommentator nur mit halber Aufmerksamkeit zu. Er erzählte etwas über die Region und die Rennstrecke und redete davon, dass es auf Kajalar glücklicherweise nicht regnete. Die Strecke verlief zu einem Großteil durch den alten Schacht einer Alkalimine. Würde dieser voller Wasser laufen, würde das vermutlich eine Kettenreaktion auslösen, die die gesamte Mine beschädigen könnte. Das bisschen an Wolken und Nebel, die es hier doch manchmal gab, reichte aber zum Glück nicht aus, um eine Zündung der übrigen Magnesium- und Lithiumvorkommen auszulösen.   ‚Moment', dachte Grace. Wenn Wasser eine Explosion in der Höhle auslösen und diese dadurch einstürzen konnte, dann bedeutete das, dass ihre besondere Mission tatsächlich die gesamte Rennstrecke unbrauchbar machen konnte. Und daran hing wiederum ein gewichtiger Teil der lokalen Tourismusindustrie. War es das wert?   Sie hatte eigentlich keine Zeit, eine solche moralische Entscheidung zu erörtern, denn mittlerweile waren alle Piloten in Position und jeden Moment wurden die Ampeln für die Startsequenz aktiviert. Dann schossen sie auch schon los.  
 
Auf dem geraden Stück zu Beginn der Strecke konnte Grace einen beachtlichen Vorsprung herausfahren. Sie hatte den D-II dahingehend modifiziert, dass er deutlich leichter als das Original war. Ein stärkerer Motor sorgte zudem für einen höheren Drehmoment und damit eine stärkere Beschleunigung. Allerdings verfügte er nicht, wie die meisten anderen Renn-Meks, über einen zusätzlichen Booster. Das waren nützliche Geräte, die einem Renn-Mek für kurze Zeit einen enormen Schub, auch über die eigentliche Motorleistung hinaus, verleihen konnten.   Beim Eingang in die Mine hatte sie der Zweite schon fast eingeholt. Der Tunnel war breit genug, dass sich die Renn-Meks gegenseitig problemlos überholen konnten. Aber die felsigen Wände waren dennoch eine Bedrohung, nicht zuletzt, weil ihre eigene Geschwindigkeit durch die Enge viel größer vorkam. Der Schacht war fast durchgehend beleuchtet. Nicht dass das notwendig war, weil die Pilote sowieso mit allen möglichen Sensoren und Falschfarbendisplays in den Cockpits fuhren. Durch die Beleuchtung konnten aber auch die Zuschauer das Geschehen über Kameras verfolgen.
Der Renn-Mek hinter Grace‘ D-II war für höhere Geschwindigkeiten ausgelegt als der D-II. Über das Radar sah sie, dass er nur 23 Hundertstel Sekunden hinter ihr. Das war zu dicht für ihre Minen. Also konzentrierte Grace sich weiter auf die Strecke. Der Minenschacht führte in immer verschlungenere Tunnel hinab. Mit beiden Händen umgriff sie fest die Kontrollen des D-II. Sie spürte jede Vibration, wahrscheinlich hätte sie nicht einmal ihre Instrumente gebraucht.   Ihr Hintermann attackierte sie immer wieder und versuchte, an ihr vorbei zu kommen. Dabei nahm er sogar Schäden an seinem eigenem Renn-Mek in Kauf. Einige Male riskierte er viel und schrammte an der Höhlenwand entlang. Als er es endlich geschafft hatte, sich vor Grace zu setzen, aktivierte er sogleich seinen Rauchwerfer. Grace war jedoch viel zu dicht, um davon großartig betroffen zu sein. Der Rauch konnte sich in so kurzer Zeit nicht ausbreiten, sodass seine beabsichtigte Wirkung auf sie verpuffte – im wahrsten Sinne des Wortes.

 
Etwa anderthalb Minuten später befanden sie sich wieder auf der Zielgeraden. Ein weiterer Renn-Mek hatte inzwischen zu ihnen aufgeschlossen. Grace bemerkte einige Raketen, die ihr Verfolger abgefeuert hatte. Sie reagierte mit einem leichten Zickzack-Manöver, um es dem gegnerischen Zielcomputer nicht allzu leicht zu machen. Doch die Raketen waren gar nicht für sie bestimmt. Alle fünf schossen an ihr vorbei und trafen den Renn-Mek auf Position 1 ins Heck. Anscheinend ging dabei ein Teil der Antriebsleistung verloren, denn er begann sofort zu schlingern und wurde langsamer.   Grace wusste, dass die Beschleunigung des D-II ihr kurz nach dem Start einen Vorteil verschafft hatte. Im Vergleich zu ihren Mitfahrern war sie aber relativ langsam. Objektiv betrachtet war es nicht viel, aber auf der anderen Seite war auch nicht viel nötig, um vom derzeit ersten auf den letzten Platz zu fallen.   Die Pool-Rennen gingen über zwei Runden. Kaum war sie über die Ziellinie, aktivierte sie ihr selbst gebautes Wechselgetriebe. Den Trick hatte sie sich von einigen Profis der Civil-League abgeschaut. Mit dieser Rekonfiguration konnte die Beschleunigung des Renn-Meks im unteren Drehzahlbereich gegen eine höhere Maximalgeschwindigkeit eingetauscht werden. Diese Taktik war allerdings nur Strecken effektiv, die eine hohe Geschwindigkeit dauerhaft zuließen. Wenn sie weit herunterbremsen musste, war ihr Vorteil dahin. Kaum rastete das Wechselgetriebe ein, erhöhte sich ihre Geschwindigkeit ein wenig mehr, weit genug, um den Abstand zwischen ihr und dem hinter ihr fahrenden Renn-Mek weiter auszubauen.   Als sie wieder in den Minenschacht hineinfuhr, hatte sie tatsächlich einen Abstand von 53 hundertstel Sekunden zum Zweiten. Genug Zeit also, damit sich eine Mine scharf schalten konnte. Das war ihre Chance. Sie aktivierte die Waffensteuerung und legte den Finger auf den Auslöser. Für einen kurzen Moment hielt sie jedoch inne. Sie hatte die moralische Frage, ob sie den Tank nun abwerfen sollte oder nicht, noch nicht beantwortet. Wann auch? Das Rennen ging ja gerade erst etwas mehr als zwei Minuten.
Sie nahm die Hand vom Auslöser, legte sie auf die Armatur und fühlte den D-II. Er schnurrte und war bisher auch noch nicht getroffen worden. Plötzlich, hinter einer Kurve, tauchten zwei rauchende Renn-Mek-Wracks auf. Anscheinend hatten sie sich gegenseitig so zu Klump geschossen, dass sie aus dem Rennen ausgeschieden waren. Sie erschreckte sich ein wenig, da sie nicht damit rechnete. Beim Zeitfahren gab es Mitfahrer und daher auch keine plötzlich auftauchenden Wracks.   Sie riss die Kontrollen rechtzeitig herum und lenkte den D-II haarscharf an den Hindernissen vorbei. Es gelang ihr nicht ganz, an den Gegnern vorbei zu fahren, ohne sie sich selbst eine ordentliche Schramme an der rechten Seite zuzuziehen. Viel schlimmer als der Schaden war allerdings der Zeitverlust. Die Kollision und das Manöver kosteten sie so viel Zeit und brachten sie obendrein von der optimalen Fahrlinie ab, sodass ihr Verfolger an ihr vorbeizog. Vermutlich war er ohnehin durch ihr Ausweichmanöver vorgewarnt gewesen.   Immerhin, der beschossene Renn-Mek, der den Großteil der ersten Runde dominiert hatte, war keine Gefahr. Er war zu beschädigt, um sie einzuholen. Zwar war er noch nicht ausgeschieden, aber wenn sie sich keinen groben Schnitzer erlaubte, sollte er sie nicht einholen können. Sie ließ sich daher Zeit und führ das Rennen zu Ende. Letztendlich erreichte Grace die Ziellinie als Zweite. Vielleicht hätte sie gewinnen können. Aber das war zweitrangig. Das Turnier hatte noch ein paar Runden und die erste Runde war ein Pool-Verfahren, bei dem aus jedem Pool die ersten beiden Piloten in die K. O.-Phase weiterkamen.
 
  Die leichten Schäden an der Karosserie konnte sie bis zur nächsten Runde austauschen. Als sie in den Hangar zurückkam, wurde sie schon von Antonio Tunderi erwartet. Er sah nicht glücklich aus. „Warum haben Sie die Mine nicht abgeworfen?“ Er zog die Augenbrauen tief ins Gesicht, sodass Grace befürchtete, er würde ihr gleich ins Cockpit und an den Hals springen.   „Die Gelegenheit hat sich nicht ergeben. Was hätte ich denn tun sollen? Einfach so eine Mine ohne Anlass abschmeißen?“ Grace kletterte aus dem Cockpit und war noch total verschwitzt. Der Schweiß tropfte förmlich aus dem Helm, als sie ihn abstreifte und neben sich abstellte.   „Ja, meinetwegen das!“ Tunderi wurde lauter. „Sie haben viel Geld dafür bekommen, einen kleinen Auftrag zu erfüllen. Also tun Sie, wofür ich Sie bezahlt habe.“ Er drehte sich um und stapfte mit schnellem Schritt davon.  
 
Grace strich sich durch die Haare und trocknete ihr Gesicht mit einem Handtuch ab. Sie schaute Tunderi hinterher und bemerkte nicht, wie sich hinter ihr jemand näherte. Es war Morris Golhardt, der Fahrer des beschossenen Renn-Meks, der hinter ihr ins Ziel fuhr und nun aus dem Turnier ausgeschieden war. Auch er war klatschnass und schaute Tunderi hinterher, der gerade den Hangar verließ. „Gut gefahren! Du hast viel aus dem D-II herausgeholt. Hast du ihn modifiziert?“   Grace dreht sich zu ihm um. Er lächelte aufrichtig und schien keinen Groll gegen sie zu hegen, weil sie vor ihm Ziel gefahren und er nun ausgeschieden war. Im Gegenteil, er lächelte und streckte ihr die Hand entgegen. „Danke“ entgegnete sie. „Ja, ich habe ein Wechselgetriebe eingebaut, meine Geheimwaffe.“   „Ein Wechselgetriebe? Braucht man nicht Mechaniker und einen Boxenstopp, um die Konfiguration zu ändern? Wie hast du…?“ Er musterte den D-II und suchte ihn ab nach äußerlichen Hinweisen auf ihren Trick.   „Eine Eigenkonstruktion. Ich habe mir einen Mechanismus überlegt, wie ich das vom Cockpit aus machen kann.“ Grace wusste nicht mit der Bewunderung ihres ehemaligen Konkurrenten umzugehen und stieß ein unsicheres Kichern aus.   „Wirklich? Wow! Du solltest das zum Patent anmelden. Damit kannst du sicher reich werden! Ich kenne einige Piloten, die dich sicherlich gut bezahlen würden, damit du ihnen das auch einbaust.“   Grace lächelte verlegen und wusste nicht so richtig, wohin mit ihren Händen. Die Stimmung wurde allerdings wieder etwas ernster, als Golhardt zum Ausgang schaute, aus dem Tunderi den Hangar verlassen hatte. „Was wollte der von dir? Tunderi hat hier eigentlich nichts verloren. Ich habe sein Geschrei mitbekommen. Tut mir leid, wenn ich Euch zugehört habe. Aber zumindest er war ja nicht zu überhören.“   „Er will, dass ich eine Wassermine in den Höhlen abwerfe.“ Grace öffnete das Heck ihres D-II und offenbarte die Fracht. Golhardt blickte verwundert drein. Er schien den Zusammenhang noch nicht zu begreifen. „Ich weiß nicht warum, aber ich glaube, dieser Typ will die Strecke zerstören. Wenn das Wasser“, sie klopfte auf den Minenbehälter, „auf das Magnesium trifft, löst das eine heftige Reaktion aus. Ich schätze, die wäre stark genug, um die Strecke ernsthaft zu beschädigen.“   „Hm, das passt zu ihm. Er und seine Sippe versuchen es immer wieder bei den Neuen. Es ist nicht selten, dass Piloten bestochen werden, damit sie ihre Waffen nicht einsetzen oder absichtlich verlieren. Das soll das Interesse der Zuschauer senken. Anscheinend haben sie nun aber größere Geschütze aufgefahren. Seine Gruppe besteht aus einigen religiösen Spinnern, die sich für eine Erhaltung des Mondes in seiner ursprünglichen Form einsetzen. Dass der Tourismus hier in unserer Region gerade wegen der Strecke so gut läuft, ist denen ein Dorn im Auge. Und nun sollst du ihnen offenbar helfen, ihr Ziel zu erreichen.“  
  Grace wusste die neuen Informationen noch nicht einzuordnen. Sie war definitiv nicht bereit, ihr Hobby schon aufzugeben, das nun mit dem gerade erstmalig erprobten D-II erst so richtig losging. Aber die Credits wollte sie nun auch nicht wieder hergeben. „Ich habe da eine Idee. Gib mir doch mal diesen Schlauch da hinter dir.“ Golhardt wusste zwar noch nicht, was sie vorhatte, aber tat, worum sie ihn gebeten hatte. Sie öffnete das Heck und die Abdeckung des Tanks. Dann steckte sie das eine Ende des Schlauchs in den Tank und begann an dem Anderen zu saugen bis sie Wasser spuckte und der Tank sich leerte.   Golhardt verstand nun ihren Plan und musste grinsen. „Aber bist du sicher, das fällt nicht auf?“   „Naja, was wollen Sie machen? Ich kann von mir rechtfertigen, das Ding abgeschmissen zu haben. Damit habe ich mir das Geld verdient. Wer mit solchen Mitteln arbeitet, braucht nicht sich nicht wundern, wenn er selbst beschissen wird.“   „Das meine ich nicht.“ Golhardt schaute etwas besorgt. „Die haben echt viel Einfluss.“ Er machte eine Pause während Grace sich den Reparaturen des D-II zuwandte. „Ich weiß nicht. Hast du keine Angst, dass die eine Nummer zu groß für dich sind?“   Grace war inzwischen unter die Karosserie gegrabbelt und schaute zu Golhardt auf. „Was meinst du? Wir sind doch Renn-Mek-Piloten. Jedes Mal, wenn wir uns ins Cockpit setzen, gehen wir ein Risiko ein. Soll er sich doch beschweren. Mit einer Klage wird er eh nicht durchkommen. Da müsste er sich ja selbst ans Messer liefern. Ich glaube nicht, dass er das tun würde. Aber ja, es kann nicht schaden, wenn wir wachsam bleiben.“   Golhardt schwieg einen Moment, klopfte dann aber auf das Heck des D-II. „Ja, da ist ’was dran. Ich drücke dir die Daumen für die nächste Runde. Und noch mal ein herzliches Willkommen. Ich denke, wir sehen uns öfters.“ Er verabschiedete sich und ging.  
  In der zweiten Runde warf Grace den Tank ab, so wie sie es Tunderi versprochen hatte. Da der Tank leer war, passierte nichts weiter. Die Runde verlief relativ unspektakulär. Die andere Pilotin war einfach besser gewesen und hatte daher verdient gewonnen. Aber wie zu erwarten war, erschien Tunderi im Hangar. Er war rot vor Wut und polterte direkt los. „Sie haben den Tank wieder nicht abgeworfen?!“   Grace öffnete das Heck und zeigte ihm ohne einen Kommentar den leeren Minenwerfer.   „Wo ist er hin? Was haben Sie getan?“   „Ich habe das Päckchen abgeworfen, wie Sie wollten. Soll ich Ihnen die Aufnahmen der Heckkamera zeigen?“   „Aber der Schacht, es gab keine…“ Tunderi konnte gerade noch innehalten. Die rote Farbe seines Gesichts intensivierte sich. Zusätzlich trat eine dicke Ader auf seiner Stirn hervor. „Sie! Sie haben irgendetwas gemacht! Es hätte ganz anders ausgehen müssen. Sie haben mich betrogen! Geben Sie mir sofort den Cred-Stick zurück!“   „Wie jetzt?“ Grace verschränkte die arme vor der Brust. „Sie haben gesagt, ich soll den Tank abwerfen. Sie haben nicht gesagt, ich soll den Schacht in die Luft jagen und die Strecke damit unbrauchbar machen. Den Tank habe ich abgeworfen. Ich denke also gar nicht daran, den Stick zurückzugeben.“   Tunderi unterdrückte einen Wutschrei. Grace sah ihm aber an, dass es ihm schwerfiel. Er kniff die Augen zu feinen Schlitzen zusammen und hob drohend den Zeigefinger. „Das wird ein Nachspiel haben. Verlassen Sie sich darauf!“ Er drehte sich auf dem Absatz um und verschwand erneut, während Grace ein Kichern entwich, das schnell zu einem erleichterten Lachen anschwoll.

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