Calyria

23. November 2020

 

Hörst du das Heulen? Siehst du die Bewegungen im Schatten? Jeder wird dir sagen, dass dieses Heulen von streunenden Hunden stammt, dass die Bewegung im Schatten nur deiner eigenen Phantasie entspringt. Aber du weißt es besser, nicht wahr? Du fürchtest die Dunkelheit... Sie hat Zähne.

Deine Kollegin am Arbeitsplatz wirkt matt. Seit sie ihren neuen Freund hat, wirkt sie oft so. Deine beste Freundin verbringt all ihre Zeit in Bibliotheken, und manchmal kommt es dir so vor, als würden dich Fremde abwartend ansehen und darauf warten, dass du etwas tust. Aber was? Du weißt es nicht, aber du ziehst vorsichtshalber den Kragen enger zusammen und beschleunigst deine Schritte. Bevor dich das bekommt, was im Schatten lauert.

An diesem Abend schaltest du den Fernseher an. Irgendein neues Sternchen am Himmel der Popstars wird interviewt. Selbst durch die Mattscheibe siehst du, dass sie schöner ist, menschlicher und wirklicher als alles, was du jemals gesehen hast. Etwas an dieser Perfektion stört dich. Du kannst den Finger nicht darauf legen, und während du deinen Drink nimmst, flieht dieser Gedanke wieder. Nur in deinen Träumen kommt er zurück, wenn du der Dunkelheit nicht mehr ausweichen kannst.

Tag für Tag bewegst du dich durch neonbeleuchtete Glaspaläste, Nacht für Nacht lauschst du dem Heulen und den Schüssen. Etwas wartet auf dich. Und dann, als dich auf dem Heimweg im strömenden Regen ein Fremder nach einer Zigarette fragt, weißt du, dass das warten vorbei ist. Es hat dich gefunden.

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