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Tuchkalide

Generell gibt es in Haagest nur wenige Insekten, die als Haustiere gehalten werden oder sogar domestiziert worden sind. Doch die sonderbarsten unter ihnen sind die bizarren Tuchkaliden, die fast ausschließlich von Kalidenweber gehalten werden. Dabei stammen die Schmetterlinge ursprünglich überhaupt nicht aus Haagest, sondern wurden von den Auir aus Meseleth eingeführt. Somit ist auch die Wildform der Tuchkalide, die Kratzende Rotbandkalide, nur noch aus seltenen alten Schriften bekannt, obwohl sie in Meseleth noch immer häufig vorkommt.
Wie lange die Tuchkalide schon gehalten wird, ist unbekannt, schriftlich erwähnt werden die Schmetterlinge um 2.800 vMF in einem Reisebericht eines nermakäischen Händlers, der das Altkumische Reichs besuchte, was den Schluss nahe legt, dass die Tiere zuerst dort domestiziert wurden. Um 500 vMF bis zur Flucht der Kumerer nach Haagest gehörten Stoffe aus Schmetterlingswolle zu den wichtigsten Handelsgütern aus dem Kumischen Reich, verständlich dass die Schmetterlinge bei der Flucht nach Haagest auch mitgenommen wurden. Heute werden Tuchkaliden neben Haagest noch in vielen anderen Länder in Süd- und zuweilen auch Mittelalaton gehalten, während sie in Meseleth seit dem Einfall der Myrethaner bis auf wenige Gebiete wie Nermak nicht mehr zu finden sind.

Giftige Schmetterlinge und gefährliche Nester - Kratzende Rotbandkalide

Die Wildform der Tuchkalide, die Kratzende Rotbandkalide, ist nicht gerade ein angenehmes Tier, selbst wenn man den Tieren überhaupt nicht nahe kommt. Dabei sind die Schmetterlinge selbst eigentlich völlig harmlos, was einzigartig unter den Kaliden ist. Sie bleiben bei einer Größe von 25 bis 30 mm relativ klein und sind einheitlich ockergelb gefärbt. Nur der Rand des hinteren Flügelpaars ist auffallend rot und hat der Kalide auch ihren Namen gegeben. Aber viel häufiger als die Schmetterlinge selbst trifft man ihre Raupen an. Diese können mit einer Länge von bis zu 50 mm deutlich größer als die Schmetterlinge werden und sind einheitlich schwarzbraun gefärbt; bei älteren Raupen kommen dazu noch auffallend rote, lange Haare. Eine Besonderheit der Tiere bildet – wie bei allen Kaliden – das erste Beinpaar, das auffallend verlängert ist und es den Tieren ermöglicht Nahrung zu ergreifen und zu transportieren.
Die Kratzende Rotbandkalide ist wie alle Kaliden ein staatenbildender Schmetterling, die in Baumkronen recht eindrucksvolle Nester errichtet, die einen Durchmesser von einem Meter erreichen können. Den Großteil eines Nestes machen die zahlreichen Raupen aus, die man grob in zwei Gruppen unterteilen kann, in die Jungraupen, die ihre zweite Häutung noch nicht hinter sich haben, und die Altraupen, alle Raupen nach der zweiten Häutung. Abgesehen von der Größe kann man Altraupen auch an ihre roten Haare erkennen, die trotz ihres gefährlichen Aussehens nicht giftig sind. Tatsächlich giftig sind feinste Härchen, die mit freiem Auge kaum zu erkennen sind, über die aber auch schon die Jungraupen verfügen. Während die Jungraupen im Nest bleiben und von dem leben, was die Altraupen heranschleppen, gehen die Altraupen auf Nahrungssuche oder helfen beim Ausbauen und Reparieren des Nestes. Zu letzterem weben die Raupen nebeneinander leere Kokons, die das Nest ausgezeichnet isolieren und im Nest für ein relativ konstantes Klima sorgen. Der Raum zwischen zwei Kokons wird mit vorverdautem Blattmaterial ausgestopft, das dank desinfizierender Substanzen vor Pilz- und Bakterienbefall schützt. Anders als andere Kaliden weben sie zum Schutz vor Feinden nur wenige Gifthaare ein, sondern verstärken dafür das Nest durch mehrere Kokonschichten, während anderen Kaliden in der Regel eine Kokonschicht reicht. Trotzdem können die wenigen Gifthaare noch immer äußerst schmerzhafte, für Menschen aber im Normalfall nicht lebensbedrohlich Ausschläge und Schleimhautreizungen verursachen. Die Nester erscheinen aufgrund des Schichtaufbaus äußerst pompös und täuschen ein viel größeres Volk vor, als sich tatsächlich im Nest befindet. Im Nestinneren befinden sich mindestens vier Kammern, eine Königinnenkammer, in der die Königin des Nestes lebt, eine Eierkammer, in die die von der Königin gelegten Eier gebracht werden, eine Prinzenkammer, in die jene Eier gelegt werden, aus denen Königinnen und Könige werden sollen, und schließlich die riesige Vorratskammer, in der sich neben den herbeigebrachten Pflanzen auch praktisch alle Bewohner des Nestes aushalten, die nicht gerade draußen auf Nahrungssuche sind, oder sich um das Nest, die Königin oder die Eier kümmern. Die Raupen, die die Nester ausbessern und die Königin versorgen, also im Innendienst arbeiten, sind auch für die Verteidigung des Nestes zuständig.
Bei den Altraupen, die schließlich ganz das Nest verlassen, handelt es sich meist um wirklich Veteranen, die schon mehrere Wochen am Leben sind. Sie suchen in Gruppen besonders ergiebige Blattquellen und tragen die sorgfältig zurechtgeschnittenen Blätter ins Nest. Bei der Auswahl der Blätter sind die Raupen nicht besonders wählerisch. Nur gerbstoffhältige Blätter wie die von Eichen, die in Haagest ohnehin kaum vorkommen, und Nadeln rühren sie nicht an. Vor Feinden verteidigen sie sich, indem sie zuerst eine übel riechende Substanz auf sie spritzen. Sollte das nicht reichen, um ihn zu verjagen, hat der Räuber noch keine Erfahrung mit ihnen und gelingt es ihm, eine oder mehr Raupen zu fressen, macht er Bekanntschaft mit den gefährlichen Gifthaaren. Die Folgen sind Ausschläge, Schleimhautreizungen und können bei kleinen Wirbeltieren durchaus auch zum Tod führen. Wenig effizient erweist sich die Verteidigungsart bei anderen Insekten. Diese werden vertrieben, indem die Raupen einander zu Hilfe eilen und den Feind mit der Kraft der Mehrheit in die Flucht schlagen.
Die zentrale Figur eines Nestes ist aber die Königin. Sie ist normalerweise das einzige erwachsene und somit fortpflanzungsfähige Tier der Kolonie und wird dementsprechend von ihren Untertanen umsorgt. Diese Füttern sie mit vorverdautem Nahrungsbrei, die sie mit ihrem kurzen Rüssel aufsaugt. Sie wird auch von ihren Arbeitern ständig geputzt, um Krankheiten vorzubeugen, in ihrer Kammer herumgetragen – selbst kann sie normalerweise nicht mehr laufen – und bei Gefahr sofort in Sicherheit gebracht. Dafür legt die Königin ständig Eier, die von den Arbeitern entweder in die Eier- oder in die Prinzenkammer getragen werden.
Solange die Königin lebt, gibt sie Duftstoffe ab, die verhindern, dass sich die Raupen verpuppen und selbst zu Schmetterlingen werden. Aber nicht das ganze Jahr über bleibt die Duftkonzentration gleich, sondern nimmt von Anfang Perlquetan bis Ende Tedmuin kontinuierlich ab. Denn Anfang Perlquetan legt die Königin ganz besondere Eier, die in die Prinzenkammer gebracht werden. Die Raupen, die hier schlüpfen und abgeschieden von den anderen Jungraupen großgefüttert werden – damit sie möglichst wenig mit dem Königinnenduft in Kontakt kommen, selbst wenn dieser nur schwach ist – verpuppen sich nämlich nach ihrer letzten Häutung und schlüpfen Ende Tedmuin als fertige Schmetterlinge. Zu Hunderten schwirren sie dann aus dem Nest, sobald ihre Flügel getrocknet sind, und vermischen sich mit den Schwärmen aus anderen Nestern; man spricht von einer Kalidenblüte. In diesen Schmetterlingswolken, die stets ein beeindruckender Anblick sind und hungrige Vögel und andere Insektenjäger in Scharen anlockt, findet die Paarung statt, nach der die Männchen sterben. Die Weibchen landen auf einem Baum, wo sie einen großen Kokon spinnen und ihre ersten Eier legen. In dieser Zeit ist das Weibchen noch sehr aktiv und geht durchaus auf die Suche nach nektarhältigen Blüten. Sind die ersten Raupen geschlüpft, können sie anders als spätere Jungraupen nicht von dem zehren, was andere Raupen bringen und müssen selbst auf Nahrungssuche gehen, was für viele wegen ihrer geringen Größe und Zahl oft tödlich endet und mitunter zu einem Untergang des gesamten noch kleinen Nestes führen kann. Gibt es genug Altraupen, verlässt die Königin immer seltener ihr Nest. Sie verliert ihre Flügel und ihr Hinterleib schwillt von der Eiproduktion so stark an, dass sie sich kaum bis gar nicht mehr bewegen kann. Die Raupen bauen das Nest so weit aus, dass es alle erforderlichen Kammern besitzt, und erst dann gilt ein Nest erst als Überlebensfähig. Die meisten Königinnen überleben diese harte Zeit nicht, in guten Jahren kommt nur ein Weibchen aus einem Nest mit dem Leben davon, normalerweise aber deutlich weniger.
   

Entschärfte Hausform – Tuchkalide und ihr Nutzen

Vom Aussehen und auch vom Verhalten gibt es kaum Unterschiede zwischen der Kratzende Rotbandkalide und der Tuchkalide – und auch die Schmetterlingswolle beider Formen scheint zumindest optisch gleich zu sein. Der einzige Unterschied liegt darin, dass die Tuchkaliden keine Gifthaare in ihre Nester einweben, was zwar nicht unbedingt bedeutet, dass die Nester absolut frei von Gifthaaren sind, aber sehr wohl, dass man nach einigen Reinigungsschritten mit großer Sicherheit sagen kann, dass eventuell noch vorhandene Gifthaare unschädlich gemacht worden sind. Die Raupen selbst bleiben weiterhin giftig, obwohl auch hier das Gift mittlerweile nicht so stark ist wie bei der Wildform.
Eine Tuchkalidenkultur sieht im Grunde so aus, dass sich in den Ästen größer Bäume mehrere Nester befinden, durchaus auch mehr als ein Nest pro Baum. Das Nest ist in der Regel auf einer Holzplatte gebaut, die auf den Stamm genagelt oder gehängt wird und zur Not auch wieder ab- und auf einem anderen Baum wieder aufgehängt werden kann. Diese Platte beherbergt praktisch die Urzelle des Nestes, die erste Kammer der Königin. Denn nach einer Kalidenblüte werden die Königinnen eingesammelt und dazu gebracht, hier ihr Nest zu bauen. Die ersten Wochen wird die Königin mit wasserverdünntem Honig gefüttert, bis das Nest groß genug ist, um auf einen Baum befestigt zu werden. An die Bäume werden dann noch große Körbe gehängt, die jeden Tag mit frischen Blättern, manchmal auch mit Heu gefüllt werden. Einmal im Jahr, meist kurz nach der Kalidenblüte, wird eine Kalidenschur durchgeführt. Dazu klettert jemand zu dem Nest – oder hängt es herab – und löst vorsichtig die äußeren Kokons vom Nest. Die inneren, hinteren deren Wände sich die eigentliche Kolonie befindet, bleibt dabei unangetastet und geübte Kalidenweber können sehen, wann sie zu einer inneren Schicht kommen. Die Aufgabe ist egal ob am Baum oder am Boden nicht gerade die angenehmste. Die Kalidenweber werden zuerst mit Gestank und Gifthaaren attackiert, die in der Regel erst nach einigen Stunden ihre volle Wirkung zeigen. Die Schutzkleidung, die bei der Prozedur getragen wird, ist meist unzureichend. Neben den unvermeidlichen Ausschlägen kommt es daher nicht selten zu einem gefährlichen Anschwellen der Nasen- und Rachenschleimhäute, das im schlimmsten Fall zum Ersticken führen kann, einer der Gründe, warum abgesehen von Kalidenwebern niemand mit den durchaus gewinnträchtigen Raupen hantieren will. Die Kokons werden daraufhin grob in fließendem Wasser ausgespült – und da die Tuchkaliden keine Gifthaare in ihre Nester einweben, werden dabei auch die meisten Gifthärchen entfernt. Dann werden die Kokons gekocht, wobei sich die Fäden lösen und schließlich die Fäden von acht Kokons zusammengesponnen werden. Diese so genannte Schmetterlingswolle wird dann zu edlen Stoffen verarbeitet, die trotz der Zartheit des Gewebes ausgezeichnet gut gegen Kälte und Hitze schützt und recht strapazierbar ist. In Haagest wird Schmetterlingswolle auch zum Herstellen von Mückennetzen verwendet.  

Besonderheiten

Der einstige Konflikt zwischen dem Kumischen Reich und der Soraskirche – und einigen anderen Kirchen des Meledischen Kreises – und nicht zuletzt das Geschenk der Kumerer an einige hochrangige Priester des Soras, nämlich wertvolle Kleidungsstücke aus Wilder Schmetterlingswolle – hat zu einem Verbot von Kaliden und allen Kalidenprodukten durch die Soraskirche geführt. Dieses Verbot umfasste neben dem Handel mit und den Besitz von Schmetterlingswolle und Kaliden auch – unsinnigerweise – den Verzehr von diesen. Nach späteren Versöhnungsversuchen wurden diese Gesetze gelockert und schließlich ganz abgeschafft. Lediglich der Kalidenverzehr ist bis heute noch verboten, ein Gesetz, das heute in Haagest ohnehin keine Gültigkeit hätte. Allerdings würde wohl kaum jemand, der nicht wirklich schlimmsten Hunger leiden müsste, auf den Gedanken kommen, die stinkenden Giftraupen oder die zerbrechlichen Schmetterlinge zu essen. Es kommt aber durchaus vor, dass nach einer Kalidenblüte die toten Schmetterlinge den Schweinen zum Fraß vorgeworfen werden.

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