Tagbucheintrag von Pirus

Haut. Die Wärme der Frau auf mir strahlt glühend auf mich herunter. Ihre Haut ist benetzt von einem Hauch Schweiss. Das Licht der Kerzen schimmert über ihren nackten Oberkörper. Die Augen leuchten erregt aus dem mit Schatten bedeckten Gesicht. Sie bewegt ihren Schoss auf und ab. Erst langsam dann immer schneller. Ich schliesse mich ihren Bewegungen an. Umfasse sie mit beiden Händen und ziehe sie zu mir heran.

Nach dem die Frau gegangen ist, wasche ich mich mit einem kalten Tuch ab. Es darf kein Geruch einer Kundin an mir haften bleiben, es würde nur weitere Damen abschrecken. Besonders gründlich wasche ich meine Hände. Sie sind mein ganzer Stolz. Die feingliedrigen Finger, die sauber geschnittenen Nägel, ihre ganze grazielle aber dennoch harte männliche Art.

Als ich sauber bin, gehe ich zurück in den großen Saal. Mit nichts als einem kleinen Lendenschurz stelle ich mich zu meinen Kollegen. Meine Haut ist eben wie glänzendes Metall und schimmert wie Marmor. Alle hier beneiden mich dafür und bedrängen mich dazu, ihnen mein Geheimnis zu verraten. Dämliche Narren. Ein Zauberer verrät doch nicht seinen besten Trick.

Es scheint kein guter Abend zu sein. Nur wenige Besucherinnen schlendern durch den Raum. Einige haben sicher ihr Ziel im Auge, andere schauen verlegen zu Boden und haschen nur kurz nach den vielen männlichen Körpern im Raum. In den Augenwinkel sehe ich eine Mutter ihre Tochter hinter sich herziehen. Hinter den beiden läuft ein stämmiger Mann her. Auch Männer laufen hier herum. Hier wird so gut wie jeder Mensch bedient, egal ob Frau oder Mann. Selbst Kinder waren schon zu Gast hier.

Die meisten der angebotenen Männer sind nicht freiwillig hier. Sie sind Sklaven, Räuber oder anderer Abschaum den der Besitzer des Bordells gekauft und ausgebildet hat. Auch ich bin unfreiwillig hergekommen. Wurde dabei erwischt wie ich ein Geschäft mit einem Schmuggler abgeschlossen habe und dann hierher verkauft. Aber es gefällt mir hier. Nicht das ich noch viel vom Leben erwarten konnte. Aber das hatte ich eh nie. Ein Mann mit meinen Fähigkeiten hat nichts zu erwarten in seinem Leben.

Ein Mann kommt auf mich zu. Nach einem kurzen Blick in meine Augen, fordert er mich auf ihm zu folgen. Er führt mich in eines der Zimmer. Es ist spät nachts als der letzte Gast gegangen ist. Ich muss immer bis zum letzten dableiben. Der Bordellbesitzer hält mich für seinen größten Schatz. Wenigstens einer dem ich etwas bedeute.

Seit fünf Jahren bin ich jetzt schon hier. Während dieser Zeit habe meinen Kaufpreis mehr als eingebracht. Doch wir Sklaven bekommen nichts dafür. Das einzige das wir verdienen ist unser Essen und ein Bett, gerade so gut, dass wir nicht eingehen und unsere Haut makellos bleibt. Der Herr weiss genau, wieviel er ausgeben muss um uns attraktiv zu halten.

Es gibt nur eine Sache die er mir nie nehmen wird können. Das sind meine Hände. Sie sind mein Schatz. Ich pflege sie täglich zweimal. Einmal direkt nach dem Aufstehen und einmal abends irgendwann nach einem Kunden. Meine Hände sind das einzige was man mir nie wird nehmen können, so dachte ich. Zumindest bis zu dem Tag als sich alles veränderte.

Ohne Warnung wurde ich aus dem Schlaf gerissen. Zwei Männer zerrten mich auf die Beine und schmiessen mir meine Robe über. Dann trugen sie mich aus meinem Zimmer, aus dem Haus auf die Strasse. Dort stand eine Kutsche. Ich wurde hineingeworfen. Benommen lag ich für ein, zwei Sekunden da, ehe ich mich aufsetzte. Die Kutsche begann zu fahren. Um mich war es stockfinster. Das Gefährt hatte keine Fenster. Ich tastete herum. Um mich herum war nichts. Nichtmal eine Bank. Es war nur ein kleiner, geruchsloser Raum.

Die Zeit verging, die Strasse über die wir fuhren war mal holprig, mal ruhig. Irgendwann hielten wir an.

Die Tür wurde geöffnet und Licht flutete herein. Geblendet kniff ich mein Augen zu. Wieder wurde ich von den Männern gepackt. Sie stülpten mir einen Sack über den Kopf. Er stank nach Fleisch.

Unter den Schritten meiner Träger hörte ich den Sand knirschen, dann das Trappeln über Steinplatten. Es wurde kühl.

Eine Hand packte den Sack und riss ihn, mitsamt einiger meiner Haare, von meinem Kopf.

Um mich war es angenehm dunkel. Ich roch die abgestandene Luft eines großen Gebäudes. Der Duft von Schwefel und Harz drang in meine Nase. Die schemenhaften Umrisse des Raumes liessen mich erkennen, das wir in einer Halle des Koan waren.

Vor mir stand ein dürrer Mann mittleren Alters. Er hatte eine braune lederne Schürze um, die lose um seine Knie schlabberte. Auf seinem Kopf befanden sich nur noch wenige kurze Haare. Sein Gesicht war ausdruckslos. Von seiner hackenförmigen Nase führte eine Narbe über die Stirn kreisförmig zu seinem Kinn als hätte jemand mit einer Kralle eine Schnecke in sein Gesicht malen wollen. Es gab nur einen der solch eine Narbe hatte. Er war bekannt als der Künstler der Koan, ehrfürchtig auch der Erschaffer genannt.

„Endlich ist das Modell da,“ die monotone Stimme liess ein Schaudern meinen Rücken hinunterfahren. „Seine Hände, in das Wachs hier.“

Die Männer packten mich abermals. Ich erschrack als einer der beiden meine Hand nahm und in Richtung eines Behältnisses führte in dem flüssiges Wachs zu brodeln schien.

„Macht schon, macht schon,“ der Künstler wedelte ungeduldig mit der Hand während seine Stimme immer noch monoton blieb.

Schmerz durchfuhr mich als meine Hand in das heisse Wachs getaucht wurde. Instinktiv bäumte ich mich auf.

„Nein!,“ schrie eine Stimme in meinem Kopf.

Der Künstler begutachtete das Wachs, das langsam von meinem Fingern tropfte. Meine Hand war weiss, verhüllt. Ich musste schlucken bei dem Anblick.

„Gut, sehr schön. Das wird als Schutz langen. Wartet noch einen Augenblick. Bringt das Bronzebad,“ der Erschaffer winkte ungeduldig nach hinten, wo drei andere Männer standen. „Und vergesst die Axt nicht. Irgendwie müssen wir die Hand abbekommen.“ Auf dem Gesicht des Mannes erschien das erste mal ein Funken von Emotion, es war ein Lachen in den Mundwinkeln.

Mein Herz raste. Alles in mir tobte. Mein Herr hatte mich verraten. Wahrscheinlich für Geld, die Koan hatten viel davon.

Das würde ich nicht zulassen. Meine Haut brannte.


Die Männer um mich lagen in Fetzen. Niemand darf es wagen meine Hände zu nehmen. Mit einem Tuch rubbel ich das Wachs notdürftig von meiner Hand. Darunter kommt meine glänzende Haut zum Vorschein. Sie strahlt wie unberührt, es ist kein Anzeichen einer Brandverletzung zu sehen. Natürlich nicht, den ich bin einer der Menschen mit dem scheinenden Aussehen, ein Magier der Haut.


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