28. April 1957

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Als der Zug sich in Bewegung setzte, fand Johann Zeit, die Ereignisse der letzten Tage zu überdenken. Wie zum Abschiedsgruß flatterten am Bahnhof von Pluhiw die österreichischen Fahnen, in einer halben Stunde würde der Zug die österreichisch-sowjetische Grenze überschreiten; und dann würde das Abenteuer richtig beginnen.

Schon in Lemberg hatte eine gewisse Beklemmung Johann befallen, je näher die Grenze kam in ein Land, aus dem es auch im Notfall kein Zurück gäbe. Im sowjetischen Konsulat in Lemberg war er zwar kühl, aber sehr respektvoll empfangen worden. Er wurde zuerst von einem sowjetischen Arzt, der ausgezeichnet Deutsch sprach, untersucht. Danach wurde er von zwei Uniformierten, dann vom Konsul befragt. Es ging um seine persönlichen Daten, seinen Aufenthalt in Rom und das Ziel seiner Reise nach Moskau. Während der gesamten Zeit übersetzte ein junger Zivilist, der sich ihm als Leonid Schachlikow vorgestellt hatte.

Diese Befragung war ihm zwar vorher von Oberstleutnant Bruscheck angekündigt und sogar ziemlich genau in ihrem Ablauf beschrieben worden, dennoch vermittelte sie ihm zum ersten Mal den Ernst jener Reise, die zuerst fast wie ein Urlaub begonnen hatte. Der Übersetzer hatte Johann zuletzt auch eine kleine Mappe mit Informationen gegeben. Er würde während der Fahrt gemeinsam mit den beiden anderen Österreichern und dem Arzt, der als Doktor Bodin vorgestellt wurde, in einem eigens dafür reservierten Wagen fahren, wo auch die Mahlzeiten eingenommen würden. Eine vornehme Form der Haft, dachte Johann, aber mit wem sollte ich im allgemeinen Speisewagen schon sprechen, wo ich doch kein Wort Russisch verstehe?

In Moskau würde Johann am Bahnhof mit seiner Kontaktperson zusammentreffen. Der Dolmetscher, Schachlikow, würde im Hotel das Zimmer neben ihm bewohnen und ihm für alle Übersetzertätigkeiten zur Verfügung stehen. Auch das wohl nur die höfliche Umschreibung dafür, dass er keinen Schritt ohne Begleitung würde gehen können. Aber wozu auch. Seine Vorstellung von Moskau war von einigen Bildern über endlose, langweilige Plattenbausiedlungen geprägt; dort würde er sowieso nicht spazieren wollen. Und wenn seine Hauptaufgabe in der Herstellung eines tragfähigen Kontakts zu seinem Ansprechpartner von der gegnerischen Seite sein sollte, würde er sowieso allein nicht viel zu tun haben.

Johanns Gedanken wurden durch ein Klopfen an der Abteiltür unterbrochen. Auf sein „Herein“ trat Stabswachtmeister Winter ein. „Hochwürden“, begann er mit einem verschmitzten Lächeln, weil er inzwischen wusste, dass diese Floskel Johann eher nervte, „darf ich kurz stören?“

Johann deutete ihm, auf dem zweiten Sitz am Fenster Platz zu nehmen: „Ich freue mich immer über diese Art von Störungen. Mit dem Ring sind wir durch, soll ich heute etwas über Wagners frühere Opern erzählen? Oder sollen wir uns langsam auf russische Opern einstimmen?“

Winter winkte ab: „Danke, die Musikinformationen der letzten zwei Tage reichen bei mir jetzt wohl für einige Zeit. Ich finde es bewundernswert, mit welcher Gelassenheit Sie dem baldigen Grenzübertritt entgegensehen. Selbst der Herr Oberstleutnant strahlt eine gewisse Unruhe aus.“

Johann antwortete: „Das liegt vielleicht an seinem sowjetischen Kameraden, diesem Oberst.“ „Gabrow. Ja, Oberst Gabrow ist zwar sehr freundlich, aber seit er uns durch die Pass- und Gepäckskontrollen auf dem Pluhiwer Bahnhof geführt hat, weicht er nicht von der Seite Oberstleutnant Bruschecks. Da er relativ gut Deutsch spricht, können sich die beiden ohne Dolmetscher unterhalten; und LukaƝ Gabrow kann auch alles verstehen, was wir untereinander reden würden.“

Johann nickte: „Soweit ich ihn aus den wenigen Worten kennenglernt habe, die ich mit ihm am Bahnhof gewechselt habe, würde er wenig von dem verstehen, was ich zu sagen hätte, denn mit Religion scheint er nicht viel anzufangen.“

Winter lachte: „Sonst wäre er auch kaum Oberst in der Armee geworden. Sie haben hier wirklich den Vorteil, dass sie am freiesten agieren können.“

Johann überlegte: „Wie meinen Sie das? Sie sind doch auch frei, jetzt, wo Ihr Vorgesetzter so in Beschlag genommen ist. Und Wache stehen am Gang ist auch nicht mehr nötig, weil wir in einem völlig abgeschlossenen Wagen fahren.“

Winter blickte aus dem Fenster: „Aber selbst mir hat man, natürlich nur aus Platzgründen, einen Zimmergenossen gegeben. Es ist Ihr Dolmetscher.“

„Herr Schachlikow? Der scheint sehr nett zu sein. Zumindest war er mir gegenüber wesentlich freundlicher als das übrige Personal des Konsulats.“

Winter schien nun draußen etwas zu sehen: „Da hinten ist der österreichische Zaun. Wir werden sehen, wie es um die Freundlichkeit unserer Gastgeber bestellt ist, wenn wir drei Kilometer dahinter den sowjetischen Zaun passiert haben.“

Nun blickte auch Johann konzentrierter aus dem Fenster.

Der Zug hielt an. Schilder in Deutsch, Italienisch, Kroatisch, Latein, Polnisch, Rumänisch, Slowakisch, Slowenisch, Ukrainisch und in russischer Sprache kündigten das Verbot an, die drei Kilometer breite Zone zwischen den Zäunen zu betreten. Johann schmunzelte, als er die lateinische Zeile las. Als ob außer ein paar Juristen, Medizinern oder Theologen noch jemand lateinische Befehle lesen würde.

Neben dem mit zwei Wachtürmen gesicherten Doppeltor befand sich ein großes Gebäude, mit der Österreichischen Flagge geschmückt und von zwei Wachsoldaten, die neben dem Eingang standen, bewacht.

„Wenn du hierher versetzt wirst, hast du echt den Hauptpreis gewonnen. Das ist wohl eine der langweiligsten Garnisonen des Österreichischen Bundesheeres. Im Grund tut man hier nichts anderes, als das Tor zweimal täglich für die Züge zu öffnen. Und bei jedem Wetter auf der österreichischen Seite des Zauns zu patrouillieren.“, erklärte Winter.

„Und auf der anderen Seite machen sie das wahrscheinlich genauso. Wie viele Leute könnten einer sinnvolleren Aufgabe nachgehen, wenn es diese Grenzen nicht mehr gäbe?“

Winter drehte sich nun wieder zu Johann um: „Halt, sie können ja nicht gleich die halbe Daseinsberechtigung unseres Militärs streichen. Wenn wir nicht mehr die territoriale Integrität unserer Heimat schützten, was sollten wir denn dann tun? Etwa die Franzosen in Algerien unterstützten?“

Johann zuckte zurück: „Gott bewahre! Ich meinte ja nur, dass mir der Aufwand übertrieben erscheint. Doch, wenn man genauer nachdenkt, wie oft sich das Territorium Österreichs während der letzten 500 Jahre geändert hat, trotz oder wegen militärischer Aktivitäten, werden sie zugeben müssen, dass das Militär nicht immer dieses vorgegebene Ziel der Landesverteidigung erreicht hat.“

„Ich bin zwar nicht so gebildet“, antwortete Winter, „aber erstens war es bis vor nicht allzu langer Zeit nicht nur eine Verteidigungsmacht, sondern auf Wunsch der politischen Führung auch eine Eroberungskraft. Und zweitens sind wir heutigen Soldaten auf das neue System vereidigt. Und auf Österreich in seinen derzeitigen Grenzen. Und die werden wir schützen.“

Johann dachte nach: „Es war nicht meine Absicht, Sie zu kränken. Ich bin eben nicht vom Fach und denke vielleicht zu naiv. Aber wenn wir grundsätzlich bejahen würden – was ja auch die Vereinten Nationen in ihrer Menschenrechtserklärung vom 23. April 1946 getan haben – dass alle Menschen gleich sind, warum sollte es dann Grenzen geben, die Gleiche von Gleichen trennen?“

Winter lachte auf: „Jetzt wird mir klar, warum sie in Lemberg so schnell reisemüde waren, als Ihr Kollege, der Militärpfarrer, über seine Ansichten zum richtigen Umgang mit den Kommunisten schwadronierte.“

Johann stöhnte auf: Dieser unselige Mensch! Am liebsten wäre Johann noch während des Essens aufgestanden und gegangen, als sein feistes Gegenüber in immer neuen Anläufen versuchte, ihn davon zu überzeugen, dass sich in der Sowjetunion ausschließlich menschenfressende Kommunisten, schießwütige Soldaten, sich prostituierende Frauen und jede Menge Juden, Buddhisten und Mohammedaner als geheime Machthaber aufhielten. Eine gottgefällige Lösung wäre es, die ganze Sowjetunion mit Atombomben von diesen Gefahren zu reinigen und dann mit Katholiken aus den überbevölkerten Regionen Afrikas wieder zu besiedeln. Auf die Nachfrage, wie denn die allgemeine Verfolgung religiöser Menschen mit einer ‚geheimen Machthaberschaft‘ von Buddhisten, Juden oder Anhängern des Islam vereinbar sei, gab es nur die flapsige Antwort, dass sie die anderen nur zur Tarnung verfolgen und töten würden; und unter den Inhaftierten prozentual sowieso mehr Christen wären. Wobei, so sein Gegenüber, diese Christen sowieso orthodox und damit schismatisch wären. Und die sowjetischen Gefangenenlager nur die gerechte Strafe für ihren Ungehorsam gegenüber dem Papst. Um aus diesem Strudel von Irrsinn zu kommen, hatte Johann versucht, mit der Frage nach der Prostitution auf ein mehr politisch ungefährlicheres Terrain auszuweichen; nur um erstaunt festzustellen, dass für den Militärpfarrer von Lemberg jede Frau, die einer Erwerbstätigkeit nachging, eine Prostituierte sei, weil sie ja ihren Körper und ihre Arbeitskraft für Geld irgendwelchen Männern zur Verfügung stellte. Und da mache es eben keinen Unterschied, ob sie in einer Fabrik, einer Kanzlei oder einem Bordell für Männer arbeite. Seiner Meinung nach sollten Frauen schnell heiraten, viele Kinder bekommen und ihrem Ehemann zu Diensten sein.

Johann schüttelte die furchtbaren Erinnerungen aus seinem Kopf gerade in dem Augenblick, als der Zug wieder Fahrt aufnahm. Die Wachsoldaten salutierten, und der Zug schleppte sich langsam an dem massiven Doppeltor vorbei. Doch er blieb sofort wieder, etwas ruckartig stehen.

„Stimmt etwas nicht?“ fragte Johann Stabswachtmeister Winter. Dieser antwortete ruhig: „Nein, das ist hier der ganz normale Vorgang: Der Zug wird auf der österreichischen Seite kontrolliert. Sogar mit Wachhunden, damit sich niemand auf oder unter den Waggons versteckt. Dann wird das erste Tor geöffnet, der Zug fährt hinein und das Tor wird geschlossen. Dann meldet der österreichische zuständige Offizier seinem sowjetischen Gegenpart in der Kaserne auf der zweiten Seite, dass der Zug kontrolliert ist. Daraufhin wird das zweite Tor geöffnet, erst danach darf der Zug losfahren, um nicht den Eindruck zu erwecken, er wolle das Tor rammen. Auf der sowjetischen Seite wird der Zug nochmals kontrolliert, dann nimmt er Fahrt auf. Ab hier gibt es kein Zurück mehr.“

„Fürs Erste.“, meinte Johann.

Winter nickte. „Bis ich wieder zurückkomme, ist wahrscheinlich Wien schon an die Breitspurbahn angeschlossen.“

Das gigantische europaüberspannende Zugnetz, das aus den enteigneten deutschen Schienen gebaut wurde, noch dazu nach den verrückten deutschen Plänen von 1937, war das Prestigeprojekt der europäischen Sektion der Internationalen Tourismusorganisation. Die doppelstöckigen Hochgeschwindigkeitszüge, die nur in Hauptstädten hielt, waren die Speerspitze technologischer Entwicklung. Johann hatte einmal den Breitspurbahnhof in Rom beucht, der sich am nördlichen Stadtrand befand und bis zur Passkontrolle besichtigt. Von außen konnte man auch die drei Meter breiten Doppelschienen sehen und mit etwas Glück einen ankommenden oder abfahrenden Koloss aus Stahl. Ich habe nur ein Visum für drei Monate, da wird sich nicht groß etwas geändert haben. Er blickte auf Winter, der ihm gegenüber saß. Wenn er in sechs Jahren nach dem Ende seines Turnus zurückfährt, ist zumindest der Bahnhof am Nordostrand von Wien fertig, dessen Spatenstich Bundespräsident Miklas im Vorjahr gemeinsam mit Direktor Derek McKenna von der Internationalen Tourismusorganisation gesetzt hatte.

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