19. Mai 1957

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Olga zog den dunkelroten Zimmermädchenrock an und suchte dann nach dem BH, der Bluse und der dunkelroten Jacke, die auf dem Boden des Zimmers herumlagen. Als sie die Teile beisammen hatte, nahm sie einen weiteren Zug von der Zigarette, zog dann auch die Oberteile an und schaute zurück auf das Bett, wo Schachlikow erschöpft und glücklich lag. Mit einer gewissen Genugtuung rauchte sie ihre Zigarette zu Ende. „Männer“, dachte sie, „sind dermaßen einfach zu manipulieren. Und wenn du sie nur forderst, bleibt dann noch genug Zeit für die wirklich interessanten Dinge. Er hat mich nicht erkannt in diesem lächerlichen Dienstmädchenaufzug, obwohl wir seit geraumer Zeit in derselben Abteilung arbeiten. Aber in diesem Fall kommt mir zu Hilfe, das er wohl mehr auf Brüste und Hintern als auf Gesichter achtet. So, aber jetzt zum eigentlichen Anlass des Besuchs!“

Aus Schachlikows Hose, die im Vorraum auf dem Boden lag, nahm sie den Schlüsselbund und ging in das Arbeitszimmer. Sie öffnete die Türe zum Nachbarappartement mit dem passenden Schlüssel und ging durch den kleinen Gang. Bevor sie an die Türe klopfte, begutachtete sie erneut ihre „Uniform“ und ging im Geiste die Phrasen auf Deutsch durch, auf die sie sich vorbereitet hatte. Ihre Neugierde, den geheimnisvollen Gast zu sehen, von dem Aleksandra erzählt hatte, war unbändig. Sie hätte fast alles dafür getan; und rückblickend war mit Schachlikow zu schlafen bei weitem kein Opfer gewesen.

Auf das Klopfen hörte sie ein freundliches „Herein, Herr Schachlikow.“ Sie öffnete die Tür und stand einem verdutzten Mann im schwarzen Anzug mit dem seltsamen schwarzen, weißkragigen Hemd gegenüber, das sie von Bildern kannte.

Johann war verwirrt. Das normale, wenngleich für ihn mehr und mehr lächerliche Procedere für den Besuch der Zimmermädchen war, dass er sich in Schachlikows Arbeitszimmer zurückzog, das Mädchen dann durch den Haupteingang seine Wohnung betrat, neue Handtücher brachte und immer montags Staub wischte und die Bettwäsche wechselte. Johann versuchte schnell, die paar russischen Worte, die er von Schachlikow inzwischen gelernt hatte, in die richtige Reihenfolge zu bringen: „Guten Tag. Bitte nicht sprechen ohne deinen Betrüger! Danke!“

Olga blickte verwirrt auf Johann, der ihr mit der Hand deutete, kurz zu warten. Er holte vom Schreibtisch das Russisch-Wörterbuch und fand das gesuchte Wort: „Dolmetscher. Nicht ohne deinen Dolmetscher!“

Olga lächelte und antwortete in gebrochenem Deutsch: „Ich wünsche Ihnen auch einen guten Tag. Haben Sie irgendwelche Wünsche?“

Erst jetzt bemerkte Johann, dass das Zimmermädchen weder frische Handtücher noch sonstiges Reinigungsgerät bei sich trug. Außerdem überlegte er jetzt, wieso kam sie zwar durch Schachlikows Zimmer aber ohne ihn. „Bitte warten bitte!“ stammelte er ihr entgegen und rannte dann fast an ihr vorbei in Schachlikows Zimmer.

Schachlikow lag immer noch schlafend auf dem Bett. Irgendwie peinlich berührt, deckte Johann ihn zu; und versuchte dann ihn zu wecken. Erst murmelte Schachlikow etwas für Johann Unverständliches, dann schreckte er plötzlich hoch: „Tatjana?“

Als er Johann sah, war er erst recht verwirrt. „Bitte entschuldigen Sie mein Eindringen in iIhr Zimmer, Herr Schachlikow, aber ein Zimmermädchen war gerade bei mir. Mir kam sie irgendwie seltsam vor, weil sie keine der üblichen Utensilien dabeihat. Ich bräuchte bitte einen Übersetzer.“

Schachlikow sprang aus dem Bett, schaute kurz umher, zog die Unterhose an, die er rasch gefunden hatte und lief in Johanns Wohnung. Dort kam Olga im Zimmermädchenkostüm gerade zurück von der Vordertür. Mit Johann im Rücken sprach er Olga sofort auf Russisch an: „Was fällt dir ein, Tatjana, in dieses Zimmer zu gehen? Du kennst doch die Regelungen für diese Räume!“

Olga stellte sich breitbeinig vor ihm auf: „Erstens habe ich gestern Natascha als Namen verwendet, mein lieber Leonid, und zweitens: Wer kommt denn auf die dämliche Idee, eine Zimmertüre so zu manipulieren, dass man sie von innen nicht öffnen kann?“

Ohne zu antworten, schnappte er Olga bei der Hand und zog sie an Johann vorbei zurück in sein Zimmer. Johann versuchte sich freundlich lächelnd zu verabschieden: „Schönen Tag noch, wünsche ich Ihnen!“

Die Tür auf Schachlikows Seite fiel ins Schloss: „Du darfst niemandem erzählen, wen du hier drinnen gesehen hast!“

Olga grinste breit: „Das werde ich nicht. Und wenn ich das nächste Mal bei dir vorbeikomme, werde ich das Nachbarzimmer auch nicht mehr betreten.“

Mit diesen Worten befreite sie ihre Hand geschickt aus Schachlikows Griff und ging Richtung Tür. „Das war eine einmalige Sache. Es wird kein nächstes Mal geben. Das habe ich dir von Anfang an gesagt.“

Olga drehte sich noch einmal um: „Das, mein Junge, entscheide ich! Auf deinem Nachtkästchen liegt meine Nummer. Ruf mich nächste Woche an!“

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