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Kaleva
Ongoing 1104 Words

II [Regret]

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"Wie stand es aber, so wird man fragen, um unseres Helden Studium, um seinen Privatfleiß und den Collegienbesuch? Hierüber ist nicht viel zu berichten, weil davon nur wenig, mit Bedauern müssen wir hinzufügen, fast gar nichts da war."
aus 'Felix Schnabels Universitätsjahre oder Der deutsche Student' von August von Schlumb

 

 

Friedrik Revenio
Zehn Jahre vor der Kanzlerwahl
In Regnstad

Friedrik hatte das Glück, dass ein abgeschlossenes Studium diese Tage quasi zum guten Ton gehörte. Genauso wie eine Ausbildung zum Reserveoffizier. Friedrik hatte aber auch das Glück, dass sein Vater nicht viel vom Militär hielt - und so hieß es für ihn Universität statt Offiziersakademie.

Welcher Studiengang spielte dabei kaum eine Rolle, denn danach würde er ohnehin das väterliche Unternehmen übernehmen. Es ging ja nur darum, sich zuvor einen akademischen Titel zu verdienen, den man später stolz in seinem Bekanntenkreis herumzeigen konnte. Sein Vater war der Meinung, dass sich ein Dr. jur. mit Sicherheit gut anhören würde und Friedrik nahm es schulterzuckend hin.

Eigentlich war er froh, dass er sich nie über seine Zukunft hatte Gedanken machen müssen. Das hieß nicht, dass er sich selbst besonders als Fabrikbesitzer sah. Er hätte nur auch nicht gewusst, was er stattdessen machen sollte. Vielleich etwas mit Sprache oder Literatur? Friedrik hatte ein Gefühl für Wörter, oder zumindest redete er sich das ein. Vielleicht auch etwas Soziales? Er hatte auch ein Gefühl für Menschen. Zumindest dann, wenn es darum ging, Menschen mit Wörtern zu beschreiben.

Aber das war alles brotlose Kunst, das wusste Friedrik selbst, und so machte er sich nicht einmal die Mühe irgendetwas davon zu verfolgen. Stattdessen beschloss er, dass er in die Rolle des Unternehmers schon hineinwachsen würde - und er versuchte die Tatsache zu verdrängen, dass ihm langsam die Zeit dafür ausging. Das funktionierte am besten, wenn man seine Tage in Kaffeehäusern und seine Nächte in Kneipen verbrachte, und noch besser, wenn man Leute hatte, die es mit einem gemeinsam taten.

 

"Sag, wie oft hast du ihnen dieses Jahr jetzt schon geschrieben?" fragte Silas und seine Stimme nahm diesen typisch sarkastischen Ton an, als er hinzufügte, "Und wie oft hast du sie dabei um Geld gefragt?"
"Ach, schleich dich doch," antwortete Per und kaute dabei auf seinem Bleistift herum, den Blick immer noch angestrengt auf das Papier vor ihm gerichtet. Friedrik beugte sich etwas in seine Richtung, um zu sehen, wie weit er schon gekommen war, und musste sich dabei ein Grinsen verkneifen. Er hatte es kaum über die Begrüßung hinausgeschafft.

"Wie kommt's, dass du deine Eltern nie anpumpen musst?" fragte Per und blinzelte Silas jetzt mit zusammengekniffenen Augen an.
"Ich bin ihr Ältester," antwortete der mit einem Schulterzucken. "Sie schicken mir alles von selbst."
"Und mächtig Asche haben sie auch," fügte Friedrik wie beiläufig hinzu.
"Verdammter Aristokrat," knurrte Per.

"Ach, stell dich nicht so an," sagte Silas. "Musst dir halt mal nen reiches Mädchen anangeln."
"Bin kein verdammter Damenpudel."
"Lieber das, als nen armer Schlucker."

Per schnaubte bloß. Es war fast ein Jammer; Per war bei weitem der Fleißigste von ihnen und doch glaubte Friedrik kaum, dass er die Universität mit einem Abschluss verlassen würde. Studieren war eine teure Angelegenheit und Per musste bereits jetzt  jeden Groschen zweimal umdrehen. Wie er die Vorlesungsgebühren des nächsten Semesters decken wollte, konnte Fiedrik nur raten.

"Also, was schreib ich jetzt?"
"Zuerst ein Gruß an die lieben Schwestern. Den Herrn Vater wissen lassen, dass du die Familie stets in Gedanken hast."
"Ihm wär's wohl lieber, ich hätt mein Studium in Gedanken."

Friedrik lehnte seine Tasse an die Zähne und kippte den bitteren Kaffeerest die Kehle herunter. Er hätte lieber am Hungertuch genagt statt daheim um Geld zu betteln. Dabei hätte sein Vater ihm vermutlich sogar gerne etwas geschickt, wenn es bedeutete, dass er dadurch mal wieder etwas von seinem Sohn hören würde. In Friedriks Bude lagen immer noch drei unbeantwortete Briefe aus Avenstern. Einer davon war von Lykka. Er sollte ihr wirklich schreiben. Und sich eine verdammt gute Entschuldigung ausdenken, warum er es erst jetzt tat. Ja, das würde er morgen früh als erstes machen. Oder Übermorgen, ganz bestimmt.

"Schreiben sie dir auch zurück?" fragte Friedrik dann und zündete sich dabei eine Zigarette an. Per warf ihm einen kurzen Seitenblick zu und bedeutete ihm mit der linken Hand, ihm einen Zug zu geben. Friedrik reichte ihm mit einem leichten Seufzen die Kippe und zündete sich selbst eine neue an.
"Mutter manchmal," antwortete er nach dem ersten Zug. Er räusperte sich kurz, den scharfen Zigarettenrauch immer noch nicht gewohnt. "Sie richtet dann Grüße von allen aus, aber ich weiß, dass sie es nur der Form halber macht." Er zögerte einen Augenblick, dann sagte er mit einem Schulterzucken. "Sie haben eben andere Sachen im Kopf."

Für einen Moment herrschte ein bedrücktes Schweigen am Tisch, doch Silas wusste schnell Abhilfe zu schaffen. "Wir nehmen nochmal drei," rief er und winkte dabei dem Kellner zu.
"Es ist noch nichtmal vier Uhr," schimpfte Per, nicht gerade überzeugend, aber gut genug, um die Form zu wahren. "Bist doch im Arsch verrückt."
"Schreib lieber deinen Brief, du Prolet."

"Verfluchter Schnapsfink."

Friedrik schmunzelte und blies den Rauch in Richtung Decke. Egal wie sehr er in Avenstern vom Studieren geträumt hatte, er hatte es sich niemals so vorgestellt. An Nachmittagen wie diesem wünschte er sich wirklich, dass es niemals enden würde. Und das musste es ja auch nicht, zumindest nicht bald. So ein Studium konnte schließlich lange dauern. Er hatte zumindest vor, es so lange wie möglich dauern zu lassen.

"Kann ich euch sonst noch was bringen?"

Friedrik hatte nicht gemerkt, wie der Kellner ihnen die Gläser auf den Tisch gestellt hatte. Es war die tiefe Stimme, die als erstes seine Aufmerksamkeit erregte, mit dem harten kestalanischen Akzent, der nicht so gut versteckt war, wie er offenbar meinte. Als er aufsah, war dort ein freundliches Gesicht, graue Augen, blonde Haare. Friedrik starrte ihn für einen Augenblick einfach nur an. Der Kerl durfte kaum älter als er selbst sein. Er hatte ihn noch nie hier gesehen. Oder hatte er? Er wäre ihm mit Sicherheit aufgefallen... das warme Lächeln, die starken Schultern...

"Einen Kaffee bitte," sagte Friedrik dann, ohne darüber nachzudenken, einfach nur, um irgendetwas zu sagen. Um ihn nicht einfach so gehen zu lassen. Oder, um zumindest sicherzugehen, dass er wiederkommen würde.

"Was, plötzlich Abstinenzler geworden?" witzelte Per, doch Friedrik hörte ihn kaum. Er sah nur das freundliche Nicken des Kellners, das er Friedrik schenkte, kurz bevor er sich wieder abwandte. Dann, wie er sich plötzlich noch einmal umdrehte, fast verstohlen - und sich ihre Blicke ein zweites Mal begegneten.

So hatten sich Friedrik und Janne getroffen. Oder gefunden. Darüber konnten sie sich später nie ganz einig werden; denn Janne glaubte nicht an Zufälle, doch Friedrik glaubte an nichts anderes.

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